Wasserburg/Rott – Die Dekanatskonferenz hat ihn Anfang Februar gewählt, der Kardinal hat ihn zu Ostern ernannt – mitten im Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie: Deshalb ist Pfarrer Klaus Vogl ohne Festgottesdienst und ohne große öffentliche Aufmerksamkeit neuer Dekan des Dekanats Wasserburg geworden. Ein leiser Amtsantritt in schwierigen Zeiten.
Der Priester vor der
Kamera: Mutig neue
Wege gegangen
Der massivste Einschnitt fiel gleich zu Beginn: kein Gottesdienst mehr. „Wie pflegen wir den Glauben, wenn die religiösen Gewohnheiten so unterbrochen werden?“, lautete für den Dekan die Grundsatzfrage. Er ging mutig neue Wege, feierte den Gottesdienst allein vor der Kamera, übertrug ihn im Internet, wo ihn die Gläubigen streamen konnten.
Mittlerweile finden in vielen Pfarrverbänden wieder Gottesdienste statt. Doch Vogl stellt fest: „Viele Ältere bleiben nach wie vor zu Hause und feiern von daheim aus mit.“ Bis zu 1000 Zugriffe gab es für die Internet-Gottesdienste. Und trotz aller Freude darüber, dass das neue Angebot ankommt, findet Vogl: „Es fehlt was ganz Entscheidendes: das Miteinander mit den Gläubigen.“ Er drängt jedoch niemanden, wieder zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen. Schließlich gibt es viele Hürden zu nehmen – von der teilweise erforderlichen Anmeldung über die Maskenpflicht bis zur Abstandshaltung. „Es hat auch keinen Sinn, wenn die Leute ängstlich in den Bänken sitzen.“
„Riesige Einschränkungen“ gab es auch bei Beerdigungen: Die Regelung, dass nur 15 Personen am Friedhof teilnehmen durften, sorgte dafür, dass in mancher Großfamilie nicht alle Mitglieder mit ans Grab gehen konnten. Mittlerweile ist die Begrenzung Gott sei Dank auf 50 Personen angehoben. Die Familien beschäftigt zudem die Frage, wann und in welcher Form die Erstkommunionen stattfinden können. Gruppenfotos mit Masken? Feiern mit Abstandspflicht? „Das ist ein ganz besonderer Tag im Leben der Kinder. Viele Eltern sind in Sorge, dass dieser Tag leiden könnte.“ Auch Firmungen sind verschoben – „ebenso wie fast alle Hochzeiten“, sagt Vogl. Nur die Taufen laufen langsam wieder an. „Doch was wird in zwei Wochen sein? Wir wissen es nicht. Und können deshalb nur schlecht planen“, bedauert der 42-Jährige. Flexibilität sei das Gebot der Stunde, will heißen: immer wieder neu einstellen auf neue Ausgangslagen.
Vogl, auch Leiter des Pfarrverbandes Rott/Griesstätt/ Ramerberg, hat Erfahrung im Organisieren. Er war bereits kurze Zeit Stellvertreter seines Vorgängers Josef Reindl. Vogl kennt die Strukturen im Dekanat mit den Orten Wasserburg, Edling, Pfaffing, Albaching, Amerang, Eiselfing, Rott, Griesstätt, Ramerberg, Babensham und Schnaitsee. Hier leben 33000 gemeldete katholische Kirchenmitglieder.
Als Dekan will er nun noch mehr über die Grenzen seines Pfarrverbandes hinaus schauen. Das sieht Vogl als Chance, sich weitere Anregungen für seine Seelsorge zu holen, den Blick zu weiten.
Dass sich die Kirche nicht erst seit der Corona-Pandemie in der Krise befindet, nimmt Vogl als Herausforderung an. 2019 war ein Jahr, in dem besonders viele ausgetreten sind – auch im Dekanat Wasserburg. „Wir müssen versuchen, unsere Arbeit gut zu machen“, sagt er. Aber es gehöre zur Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, zu sagen: „Ich bin nicht mehr dabei.“ „Das nehme ich nicht persönlich“, so Vogl. Zu bleiben, „nur weil es sich so gehört“, das ist in seinen Augen zu wenig. „Innerlich sollten wir doch vom Glauben erfüllt sein.“ Wobei Vogl feststellt: „Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem institutionalisierten und dem persönlichen Glauben.“ Es gebe Leute, die hätten sich von der Institution Kirche entfremdet, nicht aber vom Glauben an Gott. Es gebe Menschen, die aus der Kirche ausgetreten seien, die aber spenden würden, wenn es um die Sanierung eines Gotteshauses gehe.
„Die Kirche muss lernen, es auszuhalten, wenn jemand sagt: Ich kann mit Euch nichts anfangen“, findet Vogl. Obwohl in der Corona-Krise viele auf die Hilfe Gottes vertrauen und im Glauben Kraft finden würden, befürchtet der Dekan, dass die Feier des Gottesdienstes dauerhaft gelitten hat. „Meine Sorge ist, dass sich viele vom Gottesdienst in der Kirche entwöhnt haben und jetzt feststellen, es geht ja auch anders, und die Besuchszahlen weiter zurückgehen könnten.“
Priestermangel
bedroht die
Seelsorge vor Ort
Weiter steigende Austritte? Priestermangel: Reformen auch bei den Dekanaten sollen Antworten auf die dringlichsten Fragen geben. Ein Thema, das spaltet: der Zölibat. Vogl hat sich bewusst für die zölibatäre Lebensform entschieden. „Sie gibt mir die große Freiheit, mehr für andere da zu sein als es verheiratete Männer mit Familie sein können. Sie wirft mich immer wieder zurück auf Gott, dem ich mich schenken will.“ Doch er sehe durchaus die Schwierigkeiten, die mit dem Zölibat verbunden seien. „Auch wenn es ungewohnt ist, hätte ich persönlich kein Problem, wenn es verheiratete Priester gäbe“, sagt Vogl offen.
Ob das die Lösung für den Priestermangel ist, bezweifelt er jedoch angesichts der Tatsache, dass auch die evangelische Kirche mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat. Doch es bleibe dabei: „Wir haben viel zu wenig Priester. Es droht die flächendeckende Seelsorge vor Ort wegzubrechen.“ Und es sei schade, wenn jemand nicht Priester wird, weil er den Zölibat nicht leben will oder diese Lebensform nur gezwungenermaßen in Kauf nimmt, um Priester zu werden.
„Wo der Zölibat nicht innerlich bejaht und gelebt werden kann, bleibt über kurz oder lang zu viel auf der Strecke. Doch ich bin mir bewusst, dass sich bei diesem Thema so schnell wohl nichts ändern wird“, sagt er. Die Hoffnung, die viele Kritiker dieser Regelung in die Amazonas-Synode des Papstes gesetzt hätten, habe sich schließlich nicht erfüllt.
Themen wie die
Sexualmoral und Rolle
der Frau angehen
Trotzdem: „Wir müssen reden“, sagt der Dekan. Reden auch über den Umgang mit Macht, über die Sexualmoral, über die Rolle der Frau. Zu letzterem Thema gibt es nach seiner Überzeugung noch viel Spielraum, „ohne dass wir gleich das große Fass des Priesteramtes aufmachen“. Er ist der Meinung, „dass endlich die offizielle Predigterlaubnis für nichtgeweihte Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Eucharistiefreier kommen muss“. Hier müsse die Amtskirche ein Zeichen setzen, findet er. Er könne nachvollziehen, dass sich manche Frauen in der Kirche ohne Weihe als Seelsorgerinnen zweiter Klasse fühlen würden. „Ich finde es generell schade, dass wir so viel Kraft und Energie in Kämpfe – Mann – Frau, geweiht – nicht geweiht – stecken. Das lenkt von unserer eigentlichen Aufgabe ab. Wir hängen derzeit sehr stark in Strukturthemen fest. Nach außen wirken wir oft wie ein zerstrittener Haufen, der nicht weiß, was er will. Doch dem Menschen in der Krise oder auf der Suche sind all diese Streitigkeiten wurscht. Er braucht unsere Hilfe und einen Zugang zu Gott. Das ist unsere Kernaufgabe.“