Oberaudorf – Wird Oberaudorf ein Premium-Wanderort? Diese Frage stand in der jüngsten Gemeinderatssitzung auf dem Plan. Teresa Funk, Leiterin der Tourist-Information von Oberaudorf, stellte das Projekt vor. Am Ende lautete der Beschluss einstimmig: Oberaudorf soll kein Premium-Wanderort werden.
Projekt wurde
2019 angegangen
Vorangegangen war dem Projekt ein weiteres: 2017/ 2018 gab es das Konzept „Potenzialanalyse – Premiumwanderprodukte“. Träger waren damals der Tourismusverband Chiemgau Tourismus und der Tourismusverband Chiemsee Alpenland (CAT). Damit sollte das Potenzial der Region als Premiumwanderregion analysiert werden. Das damalige Ergebnis: Vier mögliche Premium-Wanderwege wurden für Oberaudorf identifiziert. Vor diesem Hintergrund resultierte auch die Überlegung, aus Oberaudorf einen Premium-Wanderort zu machen.
Seit Herbst vergangenen Jahres ist Teresa Funk Leiterin der Tourist-Information Oberaudorf und hat die Fein- und Umsetzungsplanung des Projekts angestoßen. Im März erhielt die Tourist-Info einen Endbericht. Daraus gehe hervor, dass es sogar fünf mögliche Premium-Wanderwege und drei mögliche Premium-Spazierwanderwege gebe, berichtete Funk.
Für die Zertifizierung als „Premium-Wanderort“ müssen verschiedene Kriterien erfüllt werden. Zum einen mindestens drei Premiumwanderwege mit insgesamt 30 Kilometern, zum anderen drei weitere Wahlkriterien. Und diese wären beispielsweise ein Premiumspazierweg, eine Mängel-App, ein weiterer Premium-Wanderweg oder ein differenziertes Angebot an Wegen für Menschen mit Behinderung.
Letzteres habe Oberaudorf zu bieten, hieß es. Über Umwege wäre auch ein weiterer Spazierweg umsetzbar. Nicht realisierbar sei hingegen ein weiterer Premium-Wanderweg, sagte Funk. Der Grund: Zwei der möglichen Premium-Wanderwege werden vom Deutschen Alpenverein (DAV) betreut. Und dieser will sich am Projekt nicht beteiligen.
Christian Berghofer, ehrenamtlicher Wegewart der DAV-Sektion Rosenheim, erklärte auf Nachfrage, dass die Premium-Wanderwege eine Ausarbeitung des Deutschen Wanderinstituts seien. „Und dieses hat andere Kriterien, wie die Wege auszusehen haben und wie diese zu pflegen sind“, sagt Berghofer. Das widerspreche dem Grundgedanken, wie der DAV seine Wege unterhalten möchte. Zum einen wäre das mit mehr Aufwand verbunden, zum anderen würden ihm als Wegewart Vorschriften gemacht werden, die er dann umzusetzen habe.
„Der Ist-Stand
reicht voll und ganz“
In einer Stellungnahme an die Tourist-Info-Leiterin, die den OVB-Heimatzeitungen vorliegt, macht Berghofer deutlich, dass die Wege im Brünnsteingebiet durch den ehrenamtlichen Wegewart der Sektion „in dem vom DAV vorgeschriebenen und gewünschten Zustand“ seien. Eine Verschärfung der Instandhaltungskriterien, eine neue Klassifizierung, ein Ausbau sowie eine unsachgemäße Beschilderung halte er deshalb für unnötig: „Es ist aus meiner Sicht sehr bedenklich, wenn auf den Wegen des DAV andere Akteure Arbeiten verrichten und ausführen, als die Ehrenamtlichen des DAV, der auch der Wegehalter ist.“ Der derzeitige IST-Stand reiche „voll und ganz“ aus und sei im Sinne des Wanderers.
In Berghofers Augen bedarf es keiner neuen Kriterien oder Zertifizierungen, da „ohnehin mehrere andere Routen (…) eher eine umfassendere Pflege und Beschilderung bedürfen.“
Auch Franz Knarr, Vorsitzender der DAV-Sektion Rosenheim, äußerte sich auf Nachfrage zu diesem Thema: „Wir wollen unsere Wege wie bisher.“ Eines der Hauptprobleme sei zudem: Wer stehe dann in der Verantwortung, wenn dann ausgerechnet auf diesen Wanderwegen etwas passieren würde? Der DAV, der in der Verkehrssicherungspflicht sei, möchte seinen Kopf dann nicht hinhalten müssen.
Knarr sagt aber auch: „Wir vertrauen nach wie vor auf die gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden Oberaudorf und Kiefersfelden wie in den vergangenen Jahrzehnten.“
Wie Teresa Funk in der Sitzung einräumte, gibt es aber weitere Gegenargumente: Neben der Tatsache, dass der DAV nicht mitspielen möchte, seien die Kosten, der Nutzen sowie der Erfolg im Vorhinein nicht messbar. Zudem wäre das Projekt mit einem hohen Arbeits- und Kostenaufwand für das Personal sowie die Gemeinde verbunden. Das Personal der Tourist-Info sei für das Projekt nicht ausreichend. Ein weiteres Minus: Der Zeitraum bis zur Umsetzung wird auf zwei bis drei Jahre geschätzt.
Das Qualitätssiegel
ist der einzige Vorteil
Im Prinzip, so erklärte Bürgermeister Dr. Matthias Bernhardt (Freie Wählerschaft), gehe es hierbei um ein Qualitätssiegel, um ein Marketinginstrument. Die Frage sei, ob man das wirklich brauche. Für die Erst-Zertifizierung zum Premium-Wanderweg werden laut Funk Kosten von insgesamt 6800 Euro veranschlagt. Eine Re-Zertifizierung pro Weg würde weitere Kosten nach sich ziehen.
Die Empfehlung der Tourist-Info lautete daher, dass Oberaudorf nicht als Premium-Wanderort zertifiziert werden soll. Diesem Vorschlag stimmte letztendlich auch das Gremium einstimmig zu. Der einhellige Tenor der Gemeinderäte: Man solle sich lieber darum kümmern, dass die bestehenden Wanderwege in einem ordentlichen und begehbaren Zustand bleiben.
Teresa Funk merkte noch an, dass die Tourist-Information dennoch einen positiven Nutzen aus dem Projekt gezogen habe. Denn dadurch wurde endlich auch eine weitere Aktion angestoßen: Mittlerweile betreuen elf Wegepaten ausgewählte Wanderwege und pflegen diese. Das käme dem Ort Oberaudorf in jedem Falle zugute.