Oberaudorf/Stephanskirchen – Sie ackern buchstäblich, und das meist täglich und draußen im Freien. Die Mädchen und Buben aus der Otfried-Preußler-Schule Stephanskirchen, der Privaten Schulen Oberaudorf und vom Haus für Kinder in Kolbermoor haben ihre eigenen Felder, die sie bestellen. Sie säen, hegen und ernten fast das ganze Jahr über. Angeleitet und begleitet werden sie dabei in den Anfangsjahren vom gemeinnützigen Sozialunternehmen Ackerdemia mit Sitz in Potsdam und Berlin.
Lebensmittel und
Natur wertschätzen
Ziel dessen Bildungsprogramms „Gemüseackerdemie“ ist es, in sogenannten Acker-Kitas und Acker-Schulen mehr Wertschätzung für Natur und Lebensmittel vermitteln und Kinder nicht nur für gesunde Ernährung, sondern auch für Themen wie Lebensmittelverschwendung und bewusstes Konsumverhalten zu sensibilisieren, wie Bayern-Süd-Koordinatorin Julia Leinweber gegenüber den OVB Heimatzeitungen erklärt.
„Wenn man bedenkt, dass 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr in Deutschland auf dem Müll landen, viele Kinder kaum noch Kontakt mit der Natur haben und sich ungesund ernähren, sieht man einfach den Handlungsbedarf“, sagt Leinweber. Sie und ihre Mitstreiter möchten gerne erreichen, dass der Acker an Kitas und Schulen flächendeckend so selbstverständlich wird wie ein Sportplatz.
Vom Radieserl bis zum Kürbis bauen die Kinder dreimal jährlich Samen und Jungpflanzen von bis zu 30 Gemüsesorten auf ihrem Feld an. Sie lernen, an welchem Standort und zu welcher Jahreszeit welche Pflanze besonders gut wächst, bei welcher Wetterlage gegossen werden muss, was die Fruchtfolge bedeutet („jedes Jahr rutscht die Bepflanzung ein Beet weiter“) und wann die Zeit der Ernte gekommen ist.
„Wir ermutigen die Gruppen auch, jeweils ein Erntedankfest auf dem Feld zu feiern“ sagt Julia Leinweber. So lieben es zum Beispiel die Mädchen und Buben vom Kolbermoorer Haus für Kinder, ihre Kartoffeln oder Gemüsespieße an der Feuerstelle, die neben dem Tipi und einem Bauwagen zum Gelände der Naturgruppe gehört, zu grillen, Eintopf zu kochen oder gemeinsam mit den Betreuerinnen Salate anzurichten.
„Sie wissen, wie gut eine frisch abgeerntete Gurke schmeckt und freuen sich über jedes knallrote Radieserl, das sie selbst aus der heimischen Erde ziehen“, sagt stellvertretende Kita-Leiterin Karolina Kleinmanns. Darüber hinaus erfahren die Kinder auch, wie man Gemüse haltbar machen und Lebensmittel retten kann. Doch das Nachhaltigkeitsprinzip Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) der „Gemüseackerdemie“ beinhaltet noch viel mehr. So gehört der ökologische Umgang mit Schädlingen wie Kartoffelkäfern oder der Schutz der Pflanzen vor Schnecken ebenso dazu wie das kritische Hinterfragen des Verhaltens im Alltag: „Wir erleben, dass Kinder dann auch zu Hause sagen, ,Mama, ich will keine Verpackungen aus Plastik, ich möchte nicht, dass die Schildkröte im Meer unter dem Müll leidet‘.“
Die Acker-Coaches und Ackerhelfer des Vereins stellen zudem fest, dass beteiligte Kinder, die zu Beginn vielleicht doch öfter die Chipstüte als „Pausenbrot“ dabei hatten, plötzlich gesündere Varianten auspacken. Auch über Vermarktungsmöglichkeiten ihrer Produkte machen sich die Gruppen in den Acker-Kitas und Schulen Gedanken.
Plätze in Bayern
werden gefördert
In Deutschland beteiligen sich seit der Gründung 2014 rund 650 Kitas und Schulen an dem Projekt, in Bayern sind es über 80 Einrichtungen. Die „Gemüseackerdemie“, unter anderem Träger des Umweltsiegels Bayern, begleitet und betreut die Projekte – nicht nur mit dem Ziel, dass sie irgendwann autark von den Einrichtungen geführt werden –, sondern ist auch Ansprechpartner für die finanzielle Förderung.
Für bayerische Schulen gibt es im Moment die Möglichkeit, sich auf einen von der AOK Bayern geförderten Plätze zu bewerben. Der Verein stellt überdies altersentsprechende Bildungsmaterialien zur Verfügung, bietet Schulungen, Fortbildungen und – so wie zuletzt wegen Corona – Webinare zur Verfügung.