Frühstück mit Morild

von Redaktion

Begegnungen und kreatives Schaffen der Hohenthanner Autorin Viktoria Schwenger

Hohenthann – Wenn sie am Morgen die Zeitung aufschlägt, freut sie sich schon auf „Morild“. Der Fortsetzungsroman erinnert sie an die Gespräche mit dieser liebenswerten Frau, die im September 2019 kurz vor ihrem 100. Geburtstag starb. Sie lässt keine Folge aus, dabei sollte Viktoria Schwenger Morilds Geschichte eigentlich bestens kennen, denn sie selbst hat sie verfasst. „Wenn ein Buch fertig ist, habe ich wenig später schon wieder vergessen, was ich geschrieben habe, da mich bereits ein neues Buch fesselt und gedanklich in Anspruch nimmt“, erklärt die Schriftstellerin, die mit bürgerlichem Namen Richardis heißt. Für ihr Leben als Autorin hat sie sich den Vornamen ihrer Mutter geliehen, denn „wer weiß schon, ob Richardis ein Mann oder eine Frau ist“, sagt sie lachend.

In Hohenthann
begann das Schreiben

Vor 25 Jahren ist sie mit ihrem Mann Rudolf in ein Holzblockhaus am Ortsrand von Hohenthann gezogen – umgeben von einem verwunschenen Garten und mit Blick auf die kleine Kapelle. Hier ließ sie ihr früheres Berufsleben hinter sich und fand den Weg zur Schriftstellerei. Gesegnet mit einer grenzenlosen Fantasie erzählte Richardis schon ihren drei Kindern gern Geschichten. Von der rothaarigen Prinzessin mit den leuchtend grünen Augen und den lustigen Sommersprossen beispielsweise, die genauso aussieht wie sie selbst. Doch nun waren sie erwachsen, aus dem Haus, und sie stand an der Schwelle ihrer zweiten Lebenshälfte. „Ich wollte etwas für mich tun“, begründet sie ihren Entschluss, an der Axel-Andersson-Akademie in Hamburg im Fernstudium vier Jahre lang die „Große Schule des Schreibens“ zu besuchen.

Ihr erstes Buch „So viel Liebe“ widmet sie der 90- jährigen Johanna aus dem Seniorenheim Glonn, die ihr aus ihrem Leben mit mehr als 50 Pflegekindern erzählte. „Es war, als würde mir jemand die Hand führen“, erinnert sie sich. „Manchmal habe ich am Morgen gelesen, was ich in der Nacht geschrieben hatte und war erstaunt, dass tatsächlich ich das zu Papier gebracht haben soll.“ Der Roman wird ein großer Erfolg, vom Rosenheimer Verlag mehrfach aufgelegt und mehr als 20000-mal verkauft. Die Geschichte geht den Menschen ans Herz, rührt sie zu Tränen. Ein Leser klopft sogar bei der Autorin an und bedankt sich mit den Worten: „Ich hab so weinen müssen.“

Menschenschicksale interessieren die Leser

Viktoria Schwengers Geschichten berühren. „Und das, obwohl sie eher sachlich und nüchtern schreibt“, meint ihr Mann. Doch vielleicht ist es gerade das, was die Leser begeistert: Sie wollen keine wortgewaltigen Ergüsse selbstverliebter Romanciers, sondern unverschnörkelte Lebensgeschichten von Menschen aus ihrer Mitte. Neben persönlichen Begegnungen sind es oft auch Informationen, die Richardis in den Medien oder im Gespräch mit Freunden aufschnappt, die sie nicht in Ruhe lassen, ihre Fantasie beflügeln und zum Schreiben animieren.

Mehr als 20 Bücher hat Viktoria Schwenger geschrieben: Liebesgeschichten, Heimatromane, Dramen, vor allem aber Biografien von Menschen, die ihr begegneten und sie faszinierten. Erst im April erschien im Rosenheimer Verlag ihr Buch „Fort, nichts wie fort“, in dem sie die Schicksale von zehn Frauen erzählt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen mussten. Dafür hat sie letzte Zeitzeuginnen getroffen und historische Hintergründe aufwendig recherchiert.

Zurzeit schreibt sie über Sonja, die mit ihrem Baby vor den Russen aus dem Sudetenland fliehen muss. Ständig ist sie im gedanklichen Zwiegespräch mit ihr. Oft wird sie nachts wach und stellt sich vor, was Sonja jetzt wohl gerade macht. Dann geht sie in ihr Büro im Souterrain des Hauses und schreibt. „Wenn ich arbeite, bin ich ganz bei meinen Figuren, umgeben von ihnen, ständig in Gedanken bei ihnen, dann fühle und leide ich mit ihnen“, beschreibt sie ihre kreativen Phasen. Ihr Mann bewundert sie dafür, auch wenn sie dann oft abwesend wirkt.

Trotzdem er Richardis’ größter Fan ist, liest er Viktorias Bücher nur ganz selten. „Jeder soll seins haben“, sagt der pensionierte Ingenieur für Hochfrequenztechnik. Und während seine Frau stundenlang schreibt, sitzt er im Nachbarzimmer und frönt seiner Leidenschaft: dem Funken. „Ich sende mit einer Leistung von nur 100 Watt, damit komme ich um die ganze Welt“, erklärt er fasziniert.

Spannend erzählte
Geschichten

Einen Teil der Welt hat Rudolf Schwenger sich mit seiner Frau angesehen. Viele Impressionen von Reisen nach Afrika fand er im Psychodrama und einzigen Krimi von Viktoria Schwenger wieder. „Makalali ist die Geschichte eines Kindes, das mit zwei Jahren spurlos verschwindet“, erzählt die Autorin. „Sie beruht auf einer wahren Begebenheit, einem Kidnapping-Fall, von dem ich in den Nachrichten hörte und mir dann ausmalte, wie ein Mann ein kleines Kind entführt und bis nach Südafrika bringt“, beschreibt sie, während ihre grünen Augen vor Begeisterung leuchten. Sie hat ihr Lieblingsbuch im Internet publiziert. Und ihr größter Kritiker sagt: „Es ist eine spannende und intelligent erzählte Geschichte.“

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