Pfaffing/Lehen – Von „die haben mich verarscht“ bis „der Streik tut uns jetzt sehr weh“ interpretieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Pfaffinger Molkerei Alpenhain den derzeitigen Konflikt um die Entlohnung der Mitarbeiter. Für Donnerstag hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ab 6 Uhr in der Früh zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. Damit solle der Druck auf das Unternehmen erhöht werden, sich zu tariflichen Standards zu bekennen, so die Gewerkschaft.
Bereits seit einem Jahr war es im Werk mehrfach zu Arbeitsniederlegungen und Protesten gekommen. Alpenhain hatte laut NGG Gespräche über einen Tarifvertrag bislang abgelehnt.
450 Menschen arbeiten in dem Unternehmen. Wie viele davon in der Gewerkschaft organisiert sind, „das möchte ich nicht nennen“, erklärte Manuel Halbmeier, NGG-Sekretär in der Region Rosenheim-Oberbayern, gegenüber der Wasserburger Zeitung.
Rund 80 Streikende vor dem Werkstor
Doch gebe es unterm Strich 70 Prozent Beteiligung. Immerhin so viele, dass „nur noch eine Maschine läuft“, wusste er. Weil in Schicht gearbeitet wird, kommen nicht alle Beschäftigten zusammen, sodass es mehrere Ansprachen und Zusammenkünfte gab. Am Donnerstagnachmittag waren rund 80 Streikende vor dem Tor versammelt.
Halbmeier fasste zusammen, dass sich der Konflikt seit 2014 zieht, die Geschäftsleitung wolle einfach keinen Tarifvertrag abschließen. Regelungen seien aber dringend notwendig, auch was die Arbeitszeit betrifft. Dabei sei das Vorgehen aus seiner Sicht „einfach“: Zusammensetzen und dann feststellen, dass „beide Seiten in manchen Punkten gar nicht so weit auseinander liegen“. Es sei sogar möglich, dass Alpenhain in einigen Bereichen Standards der Arbeitnehmervertretung übererfülle. Aber ohne Gespräche werde das nicht herauszufinden sein. Der Gewerkschafter gab sich zuversichtlich: „Früher oder später sitzen wir an einem Tisch.“ Betriebsratsvorsitzender Mehmet Bokurt hat sein Amt seit zwei Jahren und ist ein Vierteljahrhundert bei Alpenhain. Er habe der Firmenleitung geglaubt, dass es ohne Tarifvertrag gehe, doch am Beispiel Wochenendarbeit sehe er, „dass es nicht funktioniert“. Die wäre eigentlich freiwillig gewesen, sei jetzt aber Pflicht ohne Aussicht auf ordentlichen Ausgleich. Mehr noch, der Arbeitnehmer soll äußerst flexibel von einen Tag auf den anderen zu jeder Zeit in der Schicht verfügbar sein. Das mache Freizeitplanung besonders mit Familie schwierig, so Bokurt. Er habe sogar weinende Kollegen gesehen – „wir sind Menschen und keine Maschinen“. Daher seine drastische Wortwahl „Verarschung“. Kommt für ihn Kündigung in Frage? „Nein, ich kämpfe“, er habe sich das gut überlegt, er wolle „nicht weglaufen“. DGB-Regionsgeschäftsführer Günter Zellner sprach die Systemrelevanz der Beschäftigten an, bedauerte dann aber mit sarkastischem Unterton: „Einen Tarifvertrag kriegts ihr aber ned“ – das sei zu ändern. Das sieht Carolin Handel, zuständig für die Kommunikation der Unternehmensleitung, anders. „Wir sind schon enttäuscht, dass sich eine Anzahl an Mitarbeitern daran beteiligt hat.“ Und: „Wir waren auf einem guten Weg, innerbetriebliche Themen ohne außenbetriebliche Vorgaben zu lösen.“ Das Unternehmen habe 45 Millionen Euro investiert, noch mehr sei geplant, dafür benötige es „flexible Arbeitsbedingungen, die mit einem Tarif nicht möglich sind“. Aber: „Wir glauben, dass wir mit dem Betriebsrat zu einer Lösung kommen werden.“