Raubling – Die Schwammerlsaison hat begonnen. Doch was muss man bei der Suche im Wald beachten? Karlheinz Eberspächer (76), der sich selbst als „Schwammerlexperte vom Inntal“ bezeichnet, liest in der Natur wie in einem Buch. Die OVB-Heimatzeitungen hat er auf eine Wanderung durch das Dickicht in der Moorstation Nicklheim mitgenommen.
Ein Vogel zwitschert. Unter den Schuhen gibt der moosige Boden nach, es riecht nach Harz. Ein Ast knackt. „Eigentlich muss man schleichen“, meint Eberspächer. Behutsam streicht er Zweige aus seinem Gesicht. Langsam streift er durch den Wald, den Blick fest auf den Boden geheftet. Da: ein kleiner gelb-rötlicher Hut zwischen dem Moos.
Pilze rausdrehen,
nicht -reißen
Vorsichtig dreht der Kolbermoorer an dem Pilz, langsam löst sich dieser aus der Erde. Was er gerade macht, sei auch mit einem Messer möglich. Dann aber möglichst tief abschneiden, rät der Experte. Sonst verletze man den Hauptteil des Pilzes, das sogenannte Myzel. Eberspächer beäugt den Pilz in seiner Hand. Ein Filziger Milchling. Kurzes Riechen. Der Duft von Liebstöckel strömt in die Nase. Genau so, wie man ihn von einem Brühwürfel kennt. „Er wird nicht ohne Grund Maggipilz genannt“, erklärt der Schwammerlexperte und lacht. Er bricht ein Stück ab, wässrige Milch tritt aus dem Pilz heraus. Fein zerrieben sei er ein hervorragender Würzpilz. „Aber auf gar keinen Fall roh essen.“ Sonst könne der Pilz zu Durchfall und Erbrechen führen.
Es geht weiter durch den Wald, zurück auf den Weg. Durch das Blätterdach der Bäume gelange nicht genügend Wasser an den Boden. Anders auf den Wegen. Denn: Pilze lieben Feuchtigkeit, allen voran Maronen. Neben dem geschotterten Pfad sprießt ein Schwammerl nach dem anderen aus dem Boden. In seiner Hand dreht und wendet er einen kleinen orangenen Hut: ein Reizker. Ab in den Korb.
Der Kolbermoorer ist jeden Tag in den Wäldern unterwegs. „Es geht mir um das Jagdfieber.“ Mit 18 Jahren habe er sich einmal im Wald verirrt, fand stundenlang nicht mehr heraus. Sein Hunger war zu groß, er biss in einen Pilz. „Ich habe mir damals geschworen: Wenn ich das überlebe, lerne ich alles über Schwammerl.“ In einer Pilzschule im Schwarzwald ließ er sich zum Pilzsachverständigen ausbilden. Mittlerweile weiß er: Seine Mahlzeit damals war eine Marone, essbar. Das Erlebnis habe ihn geprägt. Seitdem hat er immer eine Pfeife mit dabei. Um gefunden zu werden.
Langsam füllt sich der Korb des ehemaligen Krankenpflegers. Die goldene Regel beim Schwammerlsuchen: Niemals eine Plastiktüte verwenden. Sonst verderben die Pilze schneller, sagt der Experte.
Ein Schritt über einen Baumstamm, der von einem Fichtenporling – einem Baumschwamm – zersetzt wird. Eberspächer kennt die Wälder, die Eigenheiten der Natur. Über die Jahre habe er viel gelernt: Am besten nicht am Montag unterwegs sein, nach dem Wochenende seien die Wälder geradezu leer geräumt. Die beste Zeit für die Schwammerlsuche ist in der Früh. „Dann, wenn die Zecken und Stechmücken noch schlafen.“ Außerdem ist er überzeugt: Von weißen Pilzen sollte man die Finger lassen.
Auch giftige Pilze
haben einen Nutzen
Er greift nach dem nächsten Pilz: ein dickschaliger Kartoffelbovist. Vorsichtig bricht er ihn auf. Innen ist der Pilz tiefschwarz. Ob er schon mal einen giftigen Pilz erwischt hat? Er schüttelt den Kopf. Schwammerlsucher sollten aber die giftigen Pilze nicht zerstören: „Ohne Pilze würde der Wald ersticken.“
Sein Wissen teilt der Kolbermoorer übrigens gerne. Früher bot er Führungen durch den Wald an, mittlerweile lässt er es ein wenig ruhiger angehen. Und: Wer Fragen rund um Schwammerl hat, kann sich gerne bei ihm melden. Karlheinz Eberspächer ist unter Telefon 08031/2204970 zu erreichen.