Amerang – Die Mama findet den Tod auf der Straße, ihre Kinder bleiben hilflos zurück: Dieses Schicksal erleiden derzeit viele Igelbabys. Helga Ludwig, Expertin bei der Wildtierhilfe Amerang, berichtet, wie die Jungen gerettet werden können – berührender Einblick in den Alltag von engagierten Helfern.
Weiß vor lauter Fliegeneiern
In Amerang klingelt das Telefon. Es ist Samstagabend, 21 Uhr. Ein älteres Ehepaar meldet sich – ratlos. Es hat zwei matte, ausgekühlte und kraftlose Igelkinder am Straßenrand gefunden. Die Igelchen sind nicht größer als eine Zitrone und bewegen sich kaum noch. Was tun?
Gegen 22 Uhr werden die Igelkinder von Mitarbeitern der Wildtierhilfe Amerang mit dem Auto abgeholt und schnell zur Erstversorgung nach Hause gefahren. Die Untersuchung ergibt, dass die beiden Waisen in ihrer Hilflosigkeit über mindestens ein bis zwei Tage bei der toten Mutter geblieben waren. Die Igelkinder sind weiß vor lauter Fliegeneiern, die sich in Kürze in eine Heerschar fleischfressender Fliegenmaden entwickeln und die wehrlosen Igel von innen her auffressen würden.
In einer gemeinsamen Aktion sitzen zwei Wildtierhelfer bis in den Morgen hinein mit den Igelkindern unter einer Untersuchungslampe und entfernen mühselig Fliegenei um Fliegenei – Tausende. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.
Von der unmittelbaren Bedrohung befreit, können die Igelchen nun endlich gebadet und mit flüssiger und warmer Notnahrung versorgt werden. Entkräftet nehmen sie die ersten Schlucke zu sich. Dann legen sie sich in einem warmen Nest erst einmal schlafen.
Meistens wurde die Mutter überfahren.
In den ersten Nächten und Tagen müssen sie nun mühsam in ein- bis zweistündigem Abstand mit kleinen Mengen Igel-Aufzuchtmilch gefüttert werden. Ihr Überleben ist noch nicht gesichert, aber die Chancen stehen gut. Die beiden Waisenkinder sind kein Einzelfall. Dutzende von verhungernden Igelchen werden in diesen Wochen in den Tierheimen und Igelstationen abgegeben. Der häufigste Grund: Ihre Mutter wurde überfahren.