Rohrdorf/Rosenheim – Wenn unsere Nachbarin, die Klara, wieder einmal recht knapp dran war, erzählt Hermann Silichner, der Rohrdorfer Gemeindearchivar, konnte sie sich drauf verlassen, dass der Zugführer mit der Abfahrt nach Rosenheim so lang wartete, bis sie da und eingestiegen war: „Es ging gmiatlich oba bei unsana Bahn“ so sein Fazit. Er meint damit die Bahnlinie zwischen Rosenheim und Frasdorf, die vor genau fünfzig Jahren ihren Betrieb einstellte.
Ein Freudenfest
bei Baubeschluss
Dabei waren ihre Anfänge alles andere als gemütlich und betulich: Als 1908 feststand, dass die Bahn gebaut werden würde, gab es in Rohrdorf ein Freudenfest. Nicht zuletzt deshalb, weil man es mit dem staatlichen Baubeschluss den Neubeurern und Nußdorfern so richtig gezeigt hatte. Die hatten sich nämlich ebenfalls mit dem Gedanken einer Bahnlinie getragen, die von Raubling aus über Neubeuern, Nußdorf, Törwang und Aschau bis nach Prien hätte führen sollen.
Wie erbittert damals der Kampf der Lokalpatrioten ausgeführt würde, zeigt ein Satz aus einer der Festreden bei der ‚Freudenfeier‘: „… auch haben wir unserem Fest den Namen Siegesfeier gegeben, wissen wir doch alle, dass uns von gewissen Herren die Palme streitig gemacht wurde, doch die Pforte der Hölle, die hat uns nicht überwältigt, der Sieg ist vollständig unser“, heißt es in der Chronik „Rohrdorf/OBB. Eine Ortsgeschichte“ von Hans Riedler.
Um diese Inbrunst zu verstehen, muss man wissen, dass dem Wunsch nach einer Bahn ein langer Kampf vorausgegangen war: Die ersten Ideen für eine Bahnlinie, damals noch von Rosenheim bis nach Aschau, waren schon um 1876 aufgekommen, damals aber waren die Priener mit dem Bau ihrer Verbindung nach Aschau schneller. 1896 scheiterte ein neuer Versuch. Die Idee, eine Bahnlinie bis Frasdorf einfach privat zu finanzieren, ließ sich nicht verwirklichen, der Bitte, die Strecke ins königliche Eisenbahnbauprogramm mit aufzunehmen, wurde zwar stattgegeben, der Bau selbst aber zurückgestellt.
Um 1906 wurde dann schließlich ein weiterer Versuch unternommen, dem zunächst schon die Priener Geschäftsleute Widerstand entgegensetzten, weil sie fürchteten, in Zukunft dann Kunden nach Rosenheim abgeben zu müssen. Und als ob das nicht genug wäre, auch noch dieser Vorstoß der Neubeurer und Nußdorfer. Die Hartnäckigkeit bei den Bemühungen um die Bahn erklärt sich aus den Hoffnungen, die man mit ihr verband: Aufschwung für die Industrie sollte die Bahn bringen, nicht nur für den Steinbruch, sondern auch für die zahlreichen Ziegeleien und Sägewerke entlang der Strecke. Um den Fortschritts-Sprung, der mit einer Bahn verbunden wurde, zu verstehen, muss man sich daran erinnern, dass ohne Bahn Gütertransport nur mit Pferde- oder Ochsenfuhrwerken möglich war.
Auch das wurde auf der „Siegesfeier“ von 1908 deutlich, etwa in einem Gedicht, in dem es hieß: „Und ob wir unseren Zug beladen, mit Holz, Torf, Steinen oder Schafen, er ist mehr rentabel als da drenten in Neubeuern mit de Fremden“ (ebenfalls aus „Rohrdorf/
OBB. Eine Ortsgeschichte“). Als die Bahn schließlich am 7. Mai 1914 eröffnet werden konnte, war der aufkommende Fremdenverkehr dem Rosenheimer Anzeiger durchaus eine Erwähnung wert: „Die Bahn erschließt eines der schönsten Gebiete unserer Gegend dem Verkehr, eine Landschaft die an malerischer Pracht und Mannigfaltigkeit keiner anderen Gegend nachsteht“ hieß es da. Dass es bei der Bahn mit der Zeit vor allem beim Personenverkehr dann doch „eher gmiatlich“ abging, lag zum Großteil an den Weltläuften: Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg bremsten die Entwicklung ein. Und mit dem Wirtschaftswunder kam dann zugleich die private Motorisierung der ländlichen Bevölkerung. Der Güterverkehr verlagerte sich auf die Straße.
Immer weniger
Reisende verzeichnet
„Der Zug“, so erinnert sich Hermann Silichner, „war in den sechziger Jahren tagsüber dann schon ziemlich leer“. Selbst die Sonderfahrten, die in den Fünfzigern und frühen Sechzigern an den Winterwochenenden massenweise Skifahrer nach Frasdorf gebracht hatten, begannen abzunehmen.
Die Zeiten waren schneller geworden: 38 Jahre lang hatte man ab 1876 für die Bahn gekämpft.
Nach dem Krieg aber reichten 25 Jahre, um sie überflüssig zu machen. Verglichen mit dem „Siegesfest“ anlässlich des Beschlusses zur Bahnerrichtung und den großen Feierlichkeiten am Eröffnungstag war das Ende eher sang- und klanglos: Die Schienenbusse wurden am letzten Tag, Samstag den 26. September 1970, nur noch ein wenig geschmückt – das war’s.