Ein Weltstar in Kinderschuhen

von Redaktion

Gestern wäre die lange in Wasserburg lebende Schauspielerin Maria Schell 95 geworden

Wasserburg – Sie war ein Weltstar, spielte in Hollywood mit Gary Cooper und Glenn Ford. Doch dass die Schauspielerin Maria Schell, die jahrelang in Wasserburg lebte und der die Stadt 2020 die erste Straße in Deutschland widmete, als Flüchtlingskind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, wissen wenige. Am 15. Januar wäre Maria Schell 95 geworden. Tochter Marie Theres Relin berichtet aus der Kinderzeit des Stars und öffnet das Familienalbum.

Heiratsantrag auf der

Straße

„Der junge feurige Schweizer Dichter Hermann Ferdinand Schell sah die bildschöne Schauspielerin Margarethe Noé Nordberg auf der Straße, ging ihr entschieden nach und bat sie seine Frau zu werden. Sie schloss die Augen, sah in einer Vision ihre vier Kinder vor Augen, wusste, der Mann ist ihre Bestimmung, und ein Kuss besiegelte die Verlobung. Fertig. Aus dieser Verbindung gingen zwei Weltstars hervor.

Am 15. Januar 1926 erblickt Margarethe Maria Schell in Wien das Licht der Welt. Gritli, so der Spitzname meiner Mutter, verbringt ihre ersten Lebensjahre im Sommer auf der Alm in Kärnten, im Winter in Wien, beim Großvater. Die junge Familie hat kein Geld und ist auf die finanzielle Unterstützung des Herrn Doktor angewiesen. Ein Künstlerschicksal eben. Aber sie sind glücklich.

Meine Mutter übt sich früh in Selbstständigkeit. Als Zweijährige stapft sie auf der Alm einfach los. Nach stundenlanger Sucherei fand meine Großmutter sie endlich. „Aber Gritli, wo warst du denn?“, und ihre Antwort war „Opapa gehn Wien, weit dort unten.“

Die ungestillte Sehnsucht meiner Großmutter im Hausfrauenalltag gilt der Schauspielerei. Sie repetiert laut am Kochtopf das Klärchen aus „Egmont“, bis das Kind im Laufstall es nachplappert: „Komms mit Bakenburg, muss Menschen nix kennen, befreien ihn gewiß.“ Muttis erste Rolle.

Nach Carl ist nun das dritte Kind, Maximilian, unterwegs und das Geld der jungen Familie reicht hinten und vorne nicht. So wird meine Mutter als Vierjährige verschickt: Sie bekommt ein Schild um den Hals, darauf steht die Telefonnummer des Großvaters in Wien. Dieser hängt ihr das nächste Schild um den Hals und setzt die Kleine in den Zug nach Basel. Bei der Ankunft hockt das Mädel ganz allein auf ihrem Rucksack und wartete mit ihrem Schild um den Hals. „Bist du die Schweizer Großmutter?“, fragt sie, als endlich eine Frau auf sie zukommt.

Sie bleibt eine Zeit in Basel und wird weiterversandt zur Tante Elise in Schwyz. Über ein Jahr ist Gritli fern von ihren Eltern.

1934 kommt Immy, das vierte Kind auf die Welt. Die Familie lebt wieder vereint in Wien. Meine Mutter erlebt eine gute Schulzeit mit erstem Kinobesuch und erstem Theater spielen. Im März 1938 kann die junge Familie vor dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland in die Schweiz fliehen. Sie dürfen nichts mitnehmen, nur das, was sie am Leib haben und 20 Franken pro Person. Das war’s.

Nicht gerade viel für den Neuanfang einer sechsköpfigen Familie. In der Schweiz gerät die Flüchtlingsfamilie richtig in Not. Die Eltern finden bei Freunden Unterschlupf. Die Buben schickt meine Großmutter „in ein Institut“, wie sie es vornehm ausdrückt. Tatsächlich ist es ein Waisenhaus. Meine Mutter kommt in eine Klosterschule ins Elsaß und sogar die vierjährige Immy wird verschickt. Zwei ganze lange Jahre bleiben die Kinder von den Eltern getrennt. „Aber hätten wir uns einen Strick um den Leib schnüren sollen, um den Hunger nicht zu spüren? Geld musste her. Und ich musste es verdienen“, schreibt meine Großmutter.

1940 kommt die auseinandergerissene Familie wieder zusammen. In der ehemaligen Richard Wagner „Villa Wesendonck“, die zum Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde, finden sie in der Dienerwohnung eine Bleibe. Auch wenn das Leben von Armut geprägt ist, wachsen sie dennoch auf „wie Königskinder“. Vom Krieg spürt man in der Schweiz nicht allzu viel und das Schauspielhaus Zürich erlebt seinen Höhepunkt als Emigrantentheater.

Mit 16 entdeckt – eine
steile Karriere beginnt

Meine Großmutter wird wieder als Schauspielerin tätig und selbst die Kinder stehen mit auf den Brettern. Das fällt auch einem Kritiker auf, der das aufgeführte Stück „Wilhelm Tell“ in „Wilhelm Schell“ umbenennt. Die 16-jährige Gritli Schell, alias meine Mama, wird als Schauspieler-Tochter entdeckt und dreht ihren ersten Film „Steinbruch“ 1942. Viele Rollenangebote folgen und die NZZ schreibt: „Seit dem Auftreten der blutjungen Elisabeth Bergner gab es kein solches Talent mehr auf deutschsprachigen Bühnen.“ Ihre Karriere beginnt.

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