Chiemgau – Nicht jeder hat ein eigenes Auto, oder kann selbst fahren. Auf dem Land ist das häufig ein Problem – besonders für Senioren und Jugendliche. Vielerorts gibt es nur wenige Bushaltestellen an den Hauptstraßen, die Fahrpläne des öffentlichen Busverkehrs weisen große Lücken auf. Die Klavier- oder Reitstunde, der Arztbesuch oder Einkauf werden ohne familiäre Taxidienste zur Herausforderung.
Zur Verbesserung der sogenannten Mikromobilität entschieden sich 2018 mit dem Projekt „Mobil am Chiemsee“ zunächst zehn Gemeinden westlich des Chiemsees – darunter Samerberg, Frasdorf, Bernau, Prien, Rimsting, Breitbrunn, Gstadt, Eggstätt, Höslwang und Bad Endorf – für die Einführung eines Rufsammeltaxi-Systems. Doch nachdem Anfang 2019 auch der zunächst zögerliche Aschauer Gemeinderat überzeugt werden konnte, wurde es in der Öffentlichkeit still um das Thema.
Auch nachts und
an den Wochenenden
Jetzt kommt wieder Schwung in das Vorhaben: Ab Herbst 2021 könnten die Taxis über die Straßen des Chiemgau rollen. An den Wochenenden soll das Angebot für Nachtschwärmer zwischen 3 und 5 Uhr ausgebaut werden.
Das neue Rufsammeltaxi sei vergleichbar mit bestehenden Angeboten, wie dem Anrufsammeltaxi (AST), erklärt Hans Zagler, Geschäftsführer der Rosenheimer Verkehrsgesellschaft RoVG, die den gesamten öffentlichen Nahverkehr in Stadt und Landkreis organisiert. Allerdings soll es zu keiner Konkurrenz zu den bestehenden Verkehrslinien des ÖPNV kommen. Ziel sei es, das Verkehrsnetz zu ergänzen und verdichten, so der RoVG-Geschäftsführer. „Dafür soll die App entsprechend programmiert werden.“ Gebe es zur selben Zeit eine Bus- oder Bahnverbindung auf der selben Strecke, könne keine Fahrt gebucht werden. Was jedoch sichergestellt werden soll, ist die Anbindung auch in die kleinen Ortsteile, die sonst nicht erreichbar seien.
„Leider hat sich das Vorhaben aus organisatorischen und rechtlichen Gründen in die Länge gezogen“, berichtet Zagler.
Nun laufe aufgrund des hohen finanziellen Aufwands eine europaweite Ausschreibung. „Wir rechnen mit drei Millionen Euro über die zunächst sechsjährige Laufzeit“, sagt er über die Kosten. Diese werden mit bis zu 65 Prozent von der Staatsregierung gefördert.
Die österreichische Firma „Ist-Mobil“, die als Vorbild und potenzieller Bewerber für „Mobil am Chiemsee“ gilt, hatte im Frühjahr 2019 ein Gutachten für die Region erstellt, das die RoVG gemeinsam mit den Gemeinden in Auftrag gegeben hatten. Im Anschluss daran musste zwischen der Vorabbekanntmachung im EU-Amtsblatt und dem Beginn des wettbewerblichen Verfahrens ein Jahr Wartezeit vergehen. Weitere Verzögerungen durch die Corona-Pandemie kamen hinzu.
Bis Juli soll die endgültige Entscheidung seitens der RoVG in Abstimmung mit den Gemeinden über einen Anbieter getroffen werden. „Wir suchen jemanden, der die Software sowie den Fuhrpark und ein Callcenter betreibt, da Senioren häufig keine Apps bedienen wollen“, erläutert Zagler.
In einer Online-Sitzung Anfang März hatten Zagler und Klaus Stöttner, CSU-Landtagsabgeordneter und Schirmherr des Projekts, den teilweise neu amtierenden Bürgermeistern der beteiligten Gemeinden die geplanten nächsten Schritte präsentiert.
Gewinn für Touristen,
Jugend und Senioren
„Für mich als Initiator und Schirmherr dieses Mobilitätsprojekts geht es jetzt in den Endspurt und wir sind bald am Ziel, um einen Mehrwert für die Jugend ohne Führerschein, die Senioren, die nicht mehr so mobil sind, aber auch besonders für den Touristen eine Ergänzung und Zubringer zum öffentlichen Nahverkehr anbieten zu können“, sagt Stöttner auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen.
Mit dem Projekt könnten in den elf Gemeinden mit ihren 40000 Einwohnern rund 500 Fahrzeuge stehen bleiben, welche laut der Rechnung des Landtagsabgeordneten zwei Fußballfelder füllten. „Ein echtes Vorzeigemodell für ganz Bayern“, so Stöttner.