Brannenburg – Claudia Fritsch aus Brannenburg hat gern ihren Frieden. Und ihre Privatsphäre. Seit fünf Jahren wohnt sie in Brannenburg, Ortsteil Sägmühle. Ein beschaulicher Ortsteil mit viel Natur um sie herum. Besonders zu schätzen wusste sie all die Jahre den Bestandsschutz an der Hinterseite ihres Hauses. „Ein wunderschöner Altbestand“, schwärmt sie. Große, hohe Bäume und Strauchgehölze dienten ihr als Sichtschutz. Zudem hatten die Bäume einen „hohen Wert für Vögel“. Aber von dem Grünstreifen ist nun nichts mehr zu sehen. Ende Februar hat die Gemeinde Brannenburg die Bäume und Sträucher gerodet und die Straße verbreitert, um Platz für eine Feuerwehrzufahrt zu schaffen. Seither fühlt sich die 49-Jährige beobachtet: „Die Leute schauen uns jetzt direkt auf den Teller.“
Keine
Privatsphäre mehr
Ein „Wahnsinn“, wie Claudia Fritsch findet. Seit Jahren schon würde sie mitverfolgen, wie die Gemeinde sich immer wieder an den Bestandsschutz herangewagt habe. „Der wurde immer wieder ausgedünnt. Und jetzt ist er ganz weg.“
Dabei, so schildert sie, wäre der Bestand von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes Rosenheim als ein „zu schützender Grünstreifen“ benannt worden. Offenbar sei das Landratsamt nun „eingeknickt“, so ihre Schlussfolgerung. Denn Mitte Februar war es wieder so weit: Die Firma „Innzeit“ habe sich auffällig oft bei den Bäumen „herumgetrieben“. Die Gemeinde hätte sie damit beauftragt, diese abzusägen, schildert Fritsch. „Bei uns ist es zugegangen wie bei Buchbinder Wanninger. Weil wir so gekämpft haben“, klagt sie.
Mit „wir“ meint sie weitere Anwohner, die ebenfalls total „geschockt“ von der Rodungsaktion seien. Etwa vier Wohnhäuser hätten jetzt keinen Sichtschutz mehr. „Wir sind jetzt so eingeschränkt in unserer Privatsphäre, das kann man sich nicht vorstellen.“
Wenigstens ein Gespräch hätte die Gemeinde in Fritsch’s Augen mit den Anwohnern suchen können. „Das hat total gefehlt.“
Zwar soll der gerodete Streifen wieder mit Büschen bepflanzt werden. Aber so einen Sichtschutz wie vorher werde es nicht mehr geben, ist die 49-Jährige überzeugt. Deshalb haben sie und ihr Mann jetzt „tief in die Tasche gegriffen“ und sich Sichtschutzwände und Pflanzen gekauft. „Damit wir wenigstens ein bisschen Schutz noch haben.“
„Ja, man kann jetzt in den Garten schauen“, gibt Bürgermeister Matthias Jokisch zu. Aber das könne man schließlich bei vielen Leuten. Außerdem, so stellt er klar, handelte es sich bei dem Bestandsschutz um „keine dichte Baumreihe“. Es sei also „kein Urwald“ gewesen, versucht der Rathauschef, den Streifen zu beschreiben.
Dass eine Feuerwehrzufahrt gebaut wird, sei auch immer schon geplant gewesen. Nur, räumt Jokisch ein, musste man diese etwa zwei Meter weiter in den Süden rutschen. Das hänge mit dem großen Gebäude des „Betreuten Wohnen“ zusammen, das gegenüber des Wohnblocks realisiert wurde. Denn damals wusste man noch nicht, wie groß das Gebäude einmal werden würde. „Ich kann schon nachvollziehen, dass das mit den Bäumen netter gewesen wäre“, sagt Jokisch, „aber so eine Katastrophe ist es jetzt auch nicht“. Man hätte sich sowieso etwas überlegen müssen, weil die Äste der Bäume schon öfter auf die Nachbarshäuser gefallen wären. Und die Rodung sei in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde geschehen, versichert Jokisch. Noch vor März – wegen der anstehenden Vogelbrutzeit.
Streifen wird
neu bepflanzt
Ina Krug, Sprecherin des Landratsamtes Rosenheim, teilte auf Nachfrage mit, dass sich die Untere Naturschutzbehörde bei der Aufstellung des Bebauungsplanes Sägmühle für den Erhalt des Gehölzbestandes eingesetzt habe. Der „Grünstreifen“ sei im Bebauungsplan also als solcher festgesetzt. Aber, so betont Krug, sei der Gehölzbestand „nicht naturschutzrechtlich geschützt“ (wie beispielsweise als Landschaftsbestandteil), weil dieser im Ort und nicht in der freien Natur liege. Da die Gemeinde, beziehungsweise die Firma „Innzeit“, den Streifen aber mit neuen Sträuchern bepflanzen möchte, werde der „Verpflichtung aus dem Bebauungsplan“ nachgekommen. „Außerdem wurden im gesamten Bebauungsplan sehr viele Neupflanzungen vorgenommen, die zwischenzeitlich eine ökologische Wirkung entfalten können.“
Sobald der Frost weg ist, würden die Sträucher gepflanzt werden, sagt Jokisch. Etwa drei Meter hoch sollen die Büsche einmal werden. Für Claudia Fritsch ist das jedoch kein Trost. Sie vermisst die Bäume vor ihrem Haus.