Riedering – Kannen voll mit dampfendem Kakao und jede Menge Butterbrote. Die siebenjährige Irmi ist bei ihrem ersten Frühstück fassungslos. Das kannte sie von zu Hause so nicht. Eine von vielen positiven Erinnerungen, die Irmgard Wagner an ihren vierwöchigen Aufenthalt im Schloss Brannenburg 1953 hat. Sie wolle und könne nicht leugnen, dass die Landverschickung für viele Kinder schlimm war, sagt Irmgard Wagner. Aber eben nicht für alle und nicht überall. Sie selber habe nur gute Erinnerungen.
Elfköpfige Familie wurde vertrieben
Neun Kinder, der Vater Maurer, 1946 aus dem Landkreis Freiwaldau im Sudetenland vertrieben und im Wendelstein-Flüchtlingslager in Bad Feilnbach gelandet. Bei Schmidts ging es nicht üppig zu, „aber es stand immer etwas auf dem Tisch“, so Irmgard Wagner. Aber eben nicht Kakao und Butterbrot.
Warum ausgerechnet sie, die Zweitjüngste, nach Brannenburg ins Schloss durfte und keines ihrer Geschwister zuvor, das weiß Irmgard Wagner nicht. Ihre Mutter sei eine sehr resolute und aktive Frau gewesen, auch Kreisrätin und bei der Arbeiterwohlfahrt engagiert – vielleicht auf diesem Wege?
Die ersten zwei Tage habe sie schreckliches Heimweh gehabt, gesteht Irmgard Wagner Jahrzehnte später. Aber die „Tanten“ – „so nannte man die Betreuerinnen damals eben“ – hätten es geschafft, ihr das zu nehmen. Sehr einfühlsam und „mit der Aussicht auf die Abenteuer der nächsten Tage“, erzählt Irmgard Wagner schmunzelnd. Abenteuer, das war eine Wanderung im Wald. Und das liebte die siebenjährige Irmi sowieso, wie die erwachsene Irmgard vergnügt erzählt.
Nach zwei Tagen war das Heimweh vorbei und Irmi tobte mit den anderen Kindern durch und rund ums Schloss. Angst gehabt habe sie in dem großen hohen und zum Teil dunklen Gemäuer nie.
„Wir haben den ganzen Tag gespielt. Und am Abend saßen wir am Lagerfeuer und haben gesungen.“ Sie hatten viele neue Freunde, waren glücklich, satt und fielen müde ins Bett. „Gebraucht haben wir nicht viel.“
Sie kann sich auch nicht an viel Gepäck erinnern, „ich weiß nur noch von einem kleinen Rucksack, Turnhose und -hemd, zwei Kleider, Zahnbürste und -pasta – „eigentlich nichts zum Anziehen und trotzdem haben wir es vier Wochen ausgehalten. „Ob die wenige Wäsche gewaschen wurde? Vermutlich, aber wissen tut sie es nicht mehr. Hauptsache der Badeanzug war dabei, denn irgendein Bach oder Graben ließ sich immer finden. Als es nach vier Wochen hieß „ab nach Hause“, da flossen bei manchem Mädel und Bub die Tränen. „Wir haben uns so gut verstanden, dass wir uns nicht trennen, nicht nach Hause wollten“, erinnert sich Irmgard Wagner. Adressen wurden ausgetauscht, mit manchen Freundinnen und Freunden entwickelte sich eine Brieffreundschaft.
Tränen beim
Abschied vom Schloss
Irgendwann seien die dann nach und nach im Sande verlaufen, bedauert Irmgard Wagner.
Die Freundschaften von damals haben nicht überlebt. „Aber jedes Mal, wenn ich Schloss Brannenburg sehe, dann kommen wieder die vielen schönen Erinnerungen hoch“, sagt Irmgard Wagner. Erinnerungen an vier glückliche Sommerwochen 1953.