Klimawandel lässt Algen aufblühen

von Redaktion

Die Badesaison steht bevor, die Menschen drängen ans Wasser – auch an den Simssee. Viele sorgen sich dabei um die Burgunderblutalgen, die seit März gesichtet werden, und um die Wasserqualität. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim verweist auf den Klimawandel.

Simssee – Die Burgunderblutalgen kommen häufig zur Sprache, redet man in diesen Tagen mit Menschen, die sich oft am Simssee aufhalten. Warum diese Blaualgenart heuer schon vermeintlich früh auftritt, fragt sich Dr. Gerhard Vilmar von der Aktionsgruppe „Sauberer Simssee“. Ende März habe er zum ersten Mal Burgunderblutalgen (oder: Cyanobakterien) im See gesehen – laut ihm so früh wie noch nie.

Temperatur
ist angestiegen

Dr. Hadumar Roch vom Rosenheimer Wasserwirtschaftsamt hat andere Erfahrungen gemacht. An einem zweiten Weihnachtsfeiertag vor ein paar Jahren habe er in Krottenmühl eine Algenblüte begutachtet, erzählt er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Eine Hypothese für das frühe Algenaufkommen: der Temperaturanstieg durch den Klimawandel.

Roch verweist auf das Projekt „Kliwa“ (Klima und Konsequenzen für die Wasserwirtschaft) der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz sowie des Deutschen Wetterdienstes. Dort heißt es, dass Cyanobakterien besser mit höheren Temperaturen umgehen könnten als andere pflanzliche Organismen.

Die Algen können Roch zufolge in einem milden Winter in gewissen Tiefen besser überleben und im Frühjahr schneller wachsen. Durch Wind würden sie dann an die Oberfläche getrieben.

Das Algenproblem gab es laut Roch zuletzt an vielen Seen, zum Beispiel am Pelhamer See, am Ammersee oder am Bodensee. Dass sie auch am Simssee vermehrt an der Oberfläche auftauchen, sei ein „jüngeres Phänomen“. Bis vor einigen Jahren seien sie nur in einer Tiefe von acht bis zehn Metern verbreitet gewesen. Einen Zusammenhang mit dem Nährstoffeintrag, wobei vor allem Gülle und Düngemittel und damit Phosphor durch Gullys und Zuflüsse in den See geschwemmt werden, könne man aber nicht feststellen.

Abgesehen von der Burgunderblutalge ist die Wasserqualität des Sees immer wieder Thema. Aus der Bevölkerung kommen Stimmen, dass diese immer schlechter werde. Dem widerspricht allerdings Roch. Die letzten 15 bis 20 Jahre sei die Qualität nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden. Die letzte große Verbesserung habe der Ringkanal mit sich gebracht. Er wurde von 1974 bis 1995 in zehn Bauabschnitten errichtet. Rund 40 Kilometer Kanalleitungen ziehen sich seitdem rund um den See. Durch sie fließt das Abwasser der Mitgliedsgemeinden des Abwasser-Zweckverbands (AZV) Simssee in die Kläranlage Bockau in der Gemeinde Rohrdorf.

Zurzeit wird die Wasserqualität nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie mit „mäßig“, also mit Stufe 3 von 5, bewertet. Bis 2027 sollen Gewässer laut dem Landesamt für Umwelt die Stufe zwei erreichen. Der AZV arbeitet schon seit 2003 mit Rosenheimer Behörden und Simssee-Landwirten im Rahmen eines Schutzprojekts daran, die Wasserqualität zu verbessern. „Seitdem haben wir aus Interesse am Simssee einen sechsstelligen Betrag investiert“, sagt Karl Mair, Stephanskirchens Bürgermeister und Vorsitzender des AZV.

Die rund 200 Landwirte rund um den See berät Edeltraud Wissinger vom Freisinger Fachbüro Ecozept. Um das Abschwemmen der Böden und damit den Phosphateintrag in den See zu verringern, haben die Bauern verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel würden sie steile Hänge im Hinterland zu Grünland umwandeln, um Erosion vorzubeugen.

Einige setzten auch auf Untersaaten im Mais. Dabei werde zwischen den Reihen Gras angesät, das auch nach der Maisernte im Herbst auf dem Acker bleibt und das Abschwemmen von Boden verhindert. Im Winter von 2019 und 2020 seien durch diese Maßnahmen 90 Prozent der Ackerflächen im 74 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet begrünt gewesen. Ein Erfolg, wie Wissinger sagt. Die Bewirtschaftung der Flächen zu ändern, ist auch laut Roch der entscheidende Punkt.

Nährstoffeintrag
bleibt ein Problem

Auch wenn sich viele Landwirte seit vielen Jahren – auf freiwilliger Basis – für den Simssee engagieren: Der Nährstoffeintrag ins Wasser über Bäche und Gullys bleibt ein Problem. Die Gullys in den Wiesen und auf den Straßen generell zu verschließen, ist aus Sicht des Wasserwirtschaftsamtes aber schwierig. Die Idee des Fachbüros Ecozept: Bestimmte Gullys abdichten, wenn das sowohl für die Landwirte als auch für die Straßen „gut möglich“ sei. „Wir sind in Gesprächen mit Landwirten in den Gemeinden Riedering und Prutting“, sagt Edeltraud Wissinger.

Die Gullys auf den Flächen der Landwirte anzuheben, damit das Wasser nicht unmittelbar hineinlaufen kann, hält Roch für schwierig – unter anderem wegen der Mähwerke der Maschinen. Eine Alternative: sogenannte grüne Ecken vor den Gullys. Diese hätten eine Signalwirkung und würden beim Mähen oder Düngen auf den Abstand hinweisen. Das Simssee-Schutzprojekt läuft damit weiter – Ausgang ungewiss.

Abwasserzweckverband will Schutzprojekt erweitern

Der Simssee ist mit einer Oberfläche von 6,5 Quadratkilometer der größte See im Landkreis Rosenheim. Mit einer maximalen Tiefe von 22 Meter zählt er zu den eher flachen und „damit auch empfindlichen“ Seen, so das Wasserwirtschaftsamt. Das Gewässer sei in der südlichen Hälfte in 48 Anteile auf rund zwölf Eigentümer aufgeteilt, sagt Stephanskirchens Bürgermeister Karl Mair, Vorsitzender des Abwasserzweckverbands. Diese seien im Seebesitzverband zusammengeschlossen. Die nördliche Hälfte gehöre einem privaten und einem kirchlichen Eigentümer. Das Einzugsgebiet des Sees ist 74 Quadratkilometer groß. Es umfasst Flächen in den Gemeinden Bad Endorf, Frasdorf, Prien, Prutting, Riedering, Rimsting, Söchtenau und Stephanskirchen. Das Simssee-Schutzprojekt des Abwasserzweckverbands Simssee beschränkt sich bisher auf die Mitgliedsgemeinden Bad Endorf, Prutting, Riedering, Söchtenau und Stephanskirchen. Die Aktionsgruppe „Sauberer Simssee“ fordert, die Ratzinger Höhe komplett in das Schutzprojekt miteinzubeziehen. Ein Teil davon ist laut Dr. Hadumar Roch vom Wasserwirtschaftsamt bereits im Projekt vertreten. Aber auch er findet es sinnvoll, das gesamte Einzugsgebiet des Sees zu berücksichtigen – eben auch die Flächen in Rimsting, Prien und Frasdorf. Man sei bereits mit den Gemeinden im Gespräch. Sie hätten sich aufgeschlossen gezeigt. Coronabedingt seien die Planungen ins Stocken gekommen, denn man wolle die Landwirte in einer Präsenzveranstaltung informieren und nicht per Videokonferenz.

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