Neubeuern – Tänze um das Lagerfeuer, Kriegsbemalungen, wilde Bären, edle Wilde, finstere Schurken: Karl May hat mit seiner Romanfigur Winnetou Generationen von Lesern in seinen Bann gezogen. In zahlreichen Verfilmungen und Theaterinszenierungen wurden der Häuptling der Apachen und sein Blutsbruder Old Shatterhand zum Leben erweckt. Was kaum noch jemand weiß: Auch in der Neubeurer Wolfsschlucht fand eine Freiluftaufführung statt. Diese wurde am 12. Juli 1958 von Schülern aus dem Schlossinternat Neubeuern inszeniert. Gelegenheit bot ein Sommerfest des Internats. Der heute 80-jährige Schauspieler Michael Schwarzmaier verkörperte damals die Rolle des skurrilen „Sam Hawkens“. Zusammen mit den OVB-Heimatzeitungen erinnert er sich zurück an diese Zeit.
Lehrer sieht
sein Potenzial
„Ziemlich aufwendig“ sei die Produktion damals gewesen, weiß Schwarzmaier noch. Einer seiner Lehrer, Wieland Goldberg, war Initiator und Regisseur des Neubeurer Karl-May-Spektakels. Der Pädagoge sei ursprünglich Schauspieler gewesen, musste sein Bühnendasein wegen eines Unfalls aber an den Nagel hängen. Die Liebe für gutes Theater aber blieb: Mit rund 60 Schülern realisierte er ein Naturschauspiel für Eltern und Schüler.
Und Goldberg musste einen Blick für talentierte Schauspieler gehabt haben, denkt der Wahlmünchner. „Er wusste wohl, dass ich das konnte.“ Denn die Rolle des Sam Hawkens, sei keine gewöhnliche: „Damals musste ich mich auch erst einmal damit anfreunden. Es gibt ja die Helden und dann gibt es die Figuren, die den Leuten im Gedächtnis bleiben.“
Wie im Roman beschrieben, wurde Sam Hawkens einst von Pawnees skalpiert und trägt deshalb eine Perücke. Schwarzmaier musste also am Tag der Aufführung neben einem angeklebten Bart noch zwei Perücken tragen: eine Glatzenperücke und darüber noch eine normale Perücke.
Rückblickend betrachtet beschreibt der 80-Jährige die damalige Theater-Erfahrung als „total cool“. Die Zuschauer und die Schüler saßen direkt in der Schlucht. Darüber gab es einen steilen Absatz, der ebenfalls Teil der Kulisse war: Dort stand Tangua, Häuptling der Kiowa, und wurde von der Schlucht aus mit Knallpistolen aus erschossen. „Es gab einen riesen Aufschrei unter den Zuschauern, als dann die Puppe in die Schlucht hinabfiel“, erinnert sich der Schauspieler lachend.
Höhepunkt der Aufführung sei aber der Tod Winnetous (damals verkörpert von Günther König) gewesen, der unter den Zuschauern für betretende Stille sorgte.
Weil die Vorstellung am Abend stattfand, war die Kulisse beleuchtet. Schwarzmaier beschreibt die Bilder in seinem Gedächtnis als „malerisch“. An alle Einzelheiten könne er sich nicht mehr erinnern: „Das ist immerhin schon 60 Jahre her.“ Aber eines weiß er noch: dass ihm die Darstellung Anerkennung verschafft habe. Schon damals wusste er, dass er später einmal Schauspieler werden würde.
Nach eigenen Angaben sah Schwarzmaier als damals 17-Jähriger „nicht so prickelnd“ aus. Er habe eine komische Brille und eine „uncoole“ Frisur getragen. Als er in der Oberstufe neu dazustieß, sei er der Außenseiter, der Exot gewesen. „Das erste Jahr wurde ich eigentlich ziemlich gemobbt.“ Die Schauspielerei war sein Ausweg. „Als Schauspieler bin ich frei.“
Erfolgreiche
Karriere
Schwarzmaier wirkte in vielen Theaterinszenierungen, einigen Filmen und Serien mit. Auch als Synchronsprecher war er tätig. Sein letztes festes Ensemble hatte er bei den Münchner Kammerspielen. „Schauspieler zu sein war immer mein Wunschberuf. Ich habe das nicht eine Sekunde lang bereut.“
Obwohl er seit 1972 in München lebe, habe er immer noch einen Bezug zum Neubeurer Schlossinternat. „Ich war in den letzten Jahren oft beim Sommerfest.“ Auch die Wolfsschlucht hätte er einmal aufgesucht. Winnetou, der „rote Charmeur“, sei für ihn ein Kindheitsheld gewesen und werde es immer bleiben: „Ich habe die Bücher als Junge gern gelesen.“