Prutting/Söchtenau – In den Tagen vor ihrem 90. Geburtstag hat Burgl Geschwendtner die Fenster ihres Wohnhauses in Rins geputzt. Das erzählt sie ganz nebenbei, für sie ist es keine große Sache. Aber es zeigt, was für eine Frau Burgl Geschwendtner ist. Eine, die schon immer gearbeitet hat. Schon als Kind auf dem Bauernhof der Eltern. Und sie wird arbeiten, solange sie lebt. „Man muss was tun, das bin ich einfach gewohnt“, sagt sie.
Sie sitzt im blauen Dirndl, mit bestickter Strickjacke und schwerer Kette um den Hals am Tisch in der alten Bauernstube. An den Wänden reihen sich gerahmte Fotos, Ornamente, kleine Gemälde und Regale mit Heiligenfiguren. In den Ecken stehen ein paar Blumensträuße, die sie von einigen ihrer unzähligen Gratulanten zum Geburtstag geschenkt bekommen hat.
Viele Ehrungen
und Auszeichnungen
Burgl Gschwendtner hat in ihren 90 Lebensjahren viele Menschen kennengelernt. Kein Wunder: Sie war 16 Jahre lang Kreisbäuerin, Kreisvorsitzende der Katholischen Landjugend, stand dem Bayerischen Bauernverband in der Region vor, war die erste Frau, die in der Pruttinger Dorfkirche eine Lesung gehalten hat.
Sie hat das goldene Verbandsabzeichen des Verbandes für landwirtschaftliche Fachbildung in Bayern und das Bundesverdienstkreuz bekommen. Die Liste ihrer Engagements und Auszeichnungen ist lang. „Über das Abzeichen vom VLF habe ich mich mehr gefreut als über das Bundesverdienstkreuz“, sagt sie schmunzelnd.
Neben ihrem ehrenamtlichen Engagement hat sie vier Kinder großgezogen und einen Bauernhof geführt. Wurde das irgendwann nicht zu viel? Manchmal sei es schon schwierig gewesen, sagt sie und nickt. Aber die Arbeit musste eben gemacht werden, Burgl Gschwendtner war da immer ganz pragmatisch. Und: „Wenn man was mit Liebe macht, dann macht die Arbeit einem auch nichts aus.“
Und Freude hatte sie vor allem, wenn sie anderen Menschen helfen konnte. Als Kreisbäuerin war es ihr am wichtigsten, Bäuerinnen in der Region zu helfen, die in Not geraten waren. Eine Frau ist ihr dabei besonders in Erinnerung geblieben, mit ihr hat sie bis heute Kontakt. Die Bäuerin hatte damals ihren Mann verloren. „Das hat mir so schrecklich leidgetan“, sagt Burgl Gschwendtner leise. Ihre Augen sind feucht. „Ich war sehr oft bei ihr auf dem Hof.“ Dabei hat sie auch in Kauf genommen, bei Familienfeiern nicht dabei zu sein. Nicht, weil ihr diese nicht wichtig gewesen wären. Aber diejenigen, die Hilfe benötigten, gingen in solchen Momenten einfach vor.
Sie zeigt auf ein schwarz-weißes Bild im Fotoalbum der Familie. Da sitzen auf einer Bank in Reih und Glied ihre Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Burgl Gschwendtner selbst als kleines Mädchen. Alle wohnten damals unter einem Dach. „Das wollten wir gar nicht anders“, sagt sie. „Wir hatten eine richtig schöne Kindheit.“ Eigentlich wollte sie gar keine Bäuerin werden, sondern Näherin oder Krankenschwester. Aber als ihr Vater verstarb, musste sie als ältestes Kind auf dem Hof der Eltern bleiben und dort helfen.
Die Arbeit war hart. Damals mähte sie das Gras auf den Wiesen noch mit der Sense per Hand. Und auch Melkroboter mussten erst noch erfunden werden. „Ich war eine richtige Magd“, sagt sie und klingt dabei ein bisschen stolz.
1959 hat sie ihren Mann Nikolaus geheiratet und ist auf den Hof in Rins gezogen. Dieser sei ein bisschen moderner gewesen, es habe dort schon einen Bulldog gegeben. „Nach dem Krieg hat die technische Modernisierung dann richtig begonnen“, sagt Klaus Gschwendtner senior, der neben seiner Frau in der Stube sitzt. Er erzählt von Mähbalken für den Traktor, von Kreiselmähern und Mähdreschern. Maschinen, die nach und nach entwickelt wurden und die Arbeit erleichterten.
Ersatzteile
aus dem Internet
Früher musste man auf ein Ersatzteil ein bis zwei Wochen warten, erinnert er sich. Jedenfalls, wenn es der örtliche Mechaniker nicht vorrätig hatte. Heute bestelle sein Enkel das Teil im Internet, und am nächsten Tag werde es schon geliefert. Noch so eine Sache, die sich verändert hat. „Das ist heute alles alltäglich“, sagt er.
Das gilt aber nicht für Respekt und Anerkennung gegenüber Landwirten, findet er. „Das schwindet immer mehr.“ Seiner Frau tut es vor allem „weh, dass die Politiker den Bauern alles anschaffen, obwohl sie selbst nichts von der Arbeit verstehen“, sagt sie. „Früher konnte man noch reden mit den Herrschaften.“
Für die Zukunft wünscht sich auch Burgl Gschwendtner wieder mehr Anerkennung für diejenigen, welche die Nahrungsmittel für die Menschen produzieren. Und dass man wieder mehr miteinander redet. So, wie sie es immer gern getan hat.