Oberaudorf/Nußdorf/Flintsbach – Was wäre ein Ort ohne seine Sagen und Geheimnisse? Gerade um das Inntal ranken sich Legenden, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Diese reichen vom schaurigen Tatzelwurm über Hexen und Teufel am Brünnsteingipfel bis hin zu einem Riesen, der im Wildbarren hausen soll. Noch heute erzählt man sich diese Geschichten. Auf dem 2,5 Kilometer langen Sagenweg am Hocheck in Oberaudorf beispielsweise können Kinder in das alte Volkswissen eintauchen. Markus Hartmann (72) aus Niederaudorf, seit 15 Jahren Bergwanderführer, leitet die Führungen mit Hingabe.
Vom diebischen Schneiderlein
Auch er sei mit den Volkssagen rund ums Inntal großgeworden, besitzt sogar das Buch „Inntaler Sagen“, das vor einigen Jahrzehnten von den Oberaudorfern Max Einmayr und Max Arbinger geschrieben wurde. Hartmanns Lieblingsgeschichte ist die des Grauen Steins: Vor vielen Jahren habe ein nackter Riese in einer Höhle des Wildbarrens gehaust. Der Riese schämte sich wegen seiner Blöße. Als eines Tages zufällig ein Schneider aus Niederaudorf vorbeikam, bat ihn der Riese, Kleider zu nähen. Er werde ihn dafür reichlich entlohnen mit Schätzen aus seiner Schatzkiste. Das Schneiderlein, von der Gier gepackt, willigte ein, nähte den Riesen allerdings in den riesigen Stoffen und mithilfe eines Zwirns ein, nahm den Schatz und floh. Der Riese befreite sich wiederum aus den Nähten und schleuderte dem diebischen Schneider einen grauen Steintisch hinterher. Der Felsen klemmte den Dieb unter sich ein und zermalmte ihn. Seither liege der „Graue Stein“ auf dem Wildbarren.
Vor allem Kinder lieben solche Geschichten, weiß Hartmann. „Je grausiger, desto schöner.“ Das Faszinierende an Sagen sei für ihn, dass der „Fantasie keine Grenzen“ gesetzt seien. Er selbst habe vor einiger Zeit eine Reise nach Island unternommen. Dort sei der Glaube an Feen und Elfen noch stark verwurzelt. „Ich würde mich niemals über Dinge lustig machen, die ich nicht verstehe.“ So sieht er das auch mit den Sagen. Die Höhlen, die Berge, das aufziehende Gewitter – all das verführe zu Aberglaube. „Aber oft ist in diesen Geschichten ein Körnchen Wahrheit drin“, ist der 72-Jährige überzeugt. Auch der Inn, der Bayern und Kufstein voneinander trennt, sei sagenträchtig: „Grenzen machen Geschichten.“
Flucht über
die Galgenlinde
Im Tal unten, in der Nähe des Bergschlössls, steht die „Galgenlinde“ von Oberaudorf. Sie sei gut 300 Jahre alt, schätzt Hartmann. Vor einigen Jahren wurde am Baumstamm eine Hinweistafel mit einer überlieferten Anekdote angebracht: Bis 1804, so steht es auf der Tafel geschrieben, war die Stelle, die heute noch als „Galgenbichl“ bezeichnet wird, die Hinrichtungsstätte der Pflegegerichtbarkeit Oberaudorf. Die Galgenlinde sei die letzte Station auf dem „Arme-Sünderweg“ gewesen, welcher vom Burgkerker zum Galgen geführt habe. Bei einer Hinrichtung habe sich der Delinquent gewünscht, eine letzte Pfeife rauchen zu dürfen.
Wie es das Schicksal wollte, riss der Galgenstrick und der Verurteilte schwang sich über die Schaulustigen hinweg zum Stamm der Linde und machte sich mit seiner Pfeife davon. Auf seiner Flucht traf er ein eilendes Weiberl: „Moanst, dass i no recht kim zur Hinrichtung am Galgenbichl?“ Der Verurteilte antwortete: „Na kimmst nimma recht, aber i wa boid zrecht kemma.“
Auch in Nußdorf wimmelt es an Geschichten: Ortsheimatpflegerin Michaela Firmkäs (55) bietet seit rund 20 Jahren Führungen am Nußdorfer Mühlenweg an. „Und wenn Kinder dabei sind, braucht es was Herziges“, sagt sie. Dann erzählt sie gerne die Geschichte der „Kundel vom Heuberg“: Ein Bauer, so erzählt man sich, besaß oben auf dem Berg eine Almweide, die von einer hübschen Sennerin, der Kundel, bewohnt wurde. Aber so schön das Mädchen war, so kaltherzig muss es auch gewesen sein. Der Legende nach habe Kundel gerade Brot gebacken, als ein Wanderer vorbeikam und um ein Stück vom Brotlaib bat. Zweimal habe sie den seltsamen Mann abgewiesen, und beim dritten Mal gab sie ihm einen Stein, von dem er abbeißen sollte. Als der Mann verschwand, erhob sich ein Gewitter und die Kundel sei neben ihrem Backofen zu Stein erstarrt.
Sagen bringen
die Heimat näher
Früher, so schildert Michaela Firmkäs, erzählte man den Nußdorfer Kindern gern, dass sie brav sein sollten, sonst würden sie von der Kundel in den Backofen geschoben. Sagen gehören für die 55-Jährige zu einem Ort dazu. „Es bringt einem die Heimat so viel näher. Landschaftliche Besonderheiten betrachtet man ganz anders, wenn man eine Geschichte dazu weiß.“
Sepp Huber (75), ehemaliger Kirchenpfleger aus Flintsbach, kann sich noch genau erinnern, wie ihm in der Schule von Lehrern die Geschichte des „Teufelslochs“ am Petersberg erzählt wurde. Dort oben habe der heilige Petrus mit dem Teufel gerungen. Es seien Geschichten wie diese, die im Gedächtnis blieben und die er auch an sein eigenes Kind wieder weitergegeben hat.