Rohrdorf – Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, wollen die Menschen manchmal wissen, wie man das geschafft hat: so gut so alt zu werden, Maria Steiner in Rohrdorf zum Beispiel. Sie feiert am Freitag ihren 100. Geburtstag. Und sie erfreut sich bester Gesundheit. So gut, dass sie kürzlich auch die Corona-Impfungen gut überstanden hat. Nix habe sie gemerkt, so hört man, es sei ihr „blendend gegangen“. Also, wie wird man so gut so alt? In guter Gesellschaft, mit Maß und mit guter Arbeit, so könnte man es in ihrem Fall zusammenfassen.
Da wäre die Familie. Maria Steiner wurde am 28. Mai 1921 in Anger bei Reichenhall als Maria Wolfgruber geboren. Sie wuchs mit drei Brüdern und einer Schwester in dem väterlichen Anwesen auf, das eine Mühle, eine Säge und eine Landwirtschaft umfasste. Man teilte die Freude dort. Und das Leid. Etwa als sie ihren Lieblingsbruder verlor, der beim nächtlichen Heimweg auf Glatteis stürzte und an den Folgen des Oberschenkelhalsbruchs starb. „Ein patenter Mann, der schön gesungen hat und bei den Frauen gute Chancen hatte.“
Man war vermutlich weniger abgelenkt damals, genügsamer, hatte Freude am Radio, dem Maria Steiner eine ihrer Jugenderinnerungen verdankt. Mit ihrer Schwester hörte sie im gemeinsamen Zimmer noch das Spätabendprogramm, bis sich gegen 23 Uhr der Ansager verabschiedete. „Vielen Dank fürs Zuhören, eine gute Nacht.“ Und nach einer Pause: „Und jetzt könnt‘s mich alle.“ „Er hatte vergessen, das Mikrofon abzuschalten“, erzählt Maria Steiner lachend.
In ihrem Winkel wurde die Familie von den neuen Zeiten heimgesucht. Im „Dritten Reich“ pflügten die Planer die Autobahn durch den Besitz der Wolfgrubers hindurch, zwischen Bauernhof und Sägemühle. „Mein Vater war sehr traurig drüber“, sagt sie. Entschädigung habe er kaum bekommen, „nur ein paar Mark“.
1949 heiratete sie in Rohrdorf Georg Steiner. Es war eine Doppelhochzeit, auch Georgs Schwester Resi trat mit ihrem Bräutigam vor den Altar. Die beiden bekamen zwei Söhne, 1950 Georg und 1953 Eberhard, sowie 1957 eine Tochter, Inge. Sie waren nach Generationen von Herrenbauern die ersten Bauern auf dem Steinerhof, die dort selbst arbeiteten. Maria Steiner tat sich bei der Aufzucht der Kälber hervor.
Ihre Ehe war glücklich. „Mein Ehemann war ein sehr netter Mensch“, sagt sie, „ich hatte immer ein sehr gutes Leben.“ Auch im Ruhestand. Die beiden reisten und verbrachten den Winter immer mal wieder in warmen Ländern wie Spanien, Tunesien oder Türkei. Vor gut sechs Jahren starb ihr Mann, sie hatte ihn zuletzt noch gepflegt.
Nicht viel Alkohol, keinen Tabak („ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht fünf Zigaretten verkostet“) und viel Humor, das könnte ihr Rezept gewesen sein. „Ich wollt‘ nie die Molln sein“, sagt sie mit einem schönen bayerischen Ausdruck, der ungefähr „fades Frauenzimmer“ bezeichnet.
Am Freitag nun lässt sie sich feiern. Drei Kinder, zehn Enkel und neun Urenkel umfasst die Familie. Wegen Corona gibt es quasi Schichtbetrieb, die Feier wird auf zwei Tage verteilt. Was auf sie zukomme, das wisse sie nicht. „Das haben alles die andern gemacht, die haben gesagt, du, Oma lass dich überraschen.“ Überraschungen, zumindest die der schönen Art, sind sicher auch ein Teil ihres Rezeptes.