Stephanskirchen – Corona hin, Hybridsitzung her – wie vor dem Frühjahr 2020 gewohnt, kann es auch nach dem Abebben der Pandemie nicht weitergehen. Der Gemeinderat diskutierte nicht über das Gesamtgesellschaftliche, sondern über sein Domizil, den rund 100 Quadratmeter großen Sitzungssaal im Rathaus.
Denn der ist, nach nicht einmal 20 Jahren, ein Fall für eine Generalüberholung. Das stellte sich schnell heraus, als die Gemeindeverwaltung ihre Hausaufgaben machte und die Möglichkeiten für Hybridsitzungen, bei denen sich Gemeinderäte auch von zu Hause aus einklinken können, überprüfte. „Wir haben festgestellt, dass wir auch gleich überlegen müssen, wie der Sitzungssaal nach Corona aussehen könnte“, so Bürgermeister Karl Mair (Parteifreie) in der jüngsten Sitzung des Rates.
Vier Räte mehr
sprengen das Oval
Auslöser war ein gemeinsamer Antrag von Parteifreien, Grünen und SPD, Hybridsitzungen zu ermöglichen (wir berichteten). Auslöser für die weitergehenden Überlegungen waren aber nur zur Hälfte die technischen Anforderungen. Zur anderen Hälfte war es die Zahl der Gemeinderäte. Rund um die Jahrtausendwende, als das neue Rathaus geplant wurde, hatte Stephanskirchen rund 9600 Einwohner und damit 20 Gemeinderäte. Ab 10000 Einwohnern sind es 24 Gemeinderäte. Für die aber war der maßgeschreinerte ovale Ratstisch nicht ausgelegt.
Sie saßen allerdings auch nie alle um den Tisch herum, denn am 1. Mai 2020, als 24 Gemeinderäte ihr Mandat antraten, hatte die Corona-Pandemie Europa längst im Griff und die Sitzungen fanden zunächst in der neuen Schloßberger Turnhalle statt. Bei der Rückkehr in den Rathaussaal war dieser coronaconform bestuhlt wie ein Klassenzimmer und ist es immer noch. Was kein Dauerzustand sein soll. Denn die Ratsmitglieder waren sich weitgehend einig, dass der Austausch untereinander auch von Sichtbeziehungen lebt.
Eine Meinung, die auch Innenarchitekt Thomas Weinmann vertritt. Er stellte mehrere Varianten einer künftigen Bestuhlung vor. Die Erweiterung des vorhandenen Ovals war schnell vom Ratstisch, denn so würden mitten im Raum mehr als 20 Quadratmeter verschwendet.
Derzeit sitzt die Verwaltung an der Schmalseite des Saales den Räten gegenüber. Den Saal auf diese Anordnung hin umzubauen wäre laut Weinmann „sehr, sehr teuer und wenig sinnvoll“. Teuer, weil Technik und Akustikdecke auf eine Sitzordnung in Längsrichtung des Saales ausgelegt sind. Wenig sinnvoll, weil bei der derzeitigen Ausrichtung keine Blickbeziehung möglich ist.
Weinmann empfahl eine „Plenaraufstellung“. Das heißt, Verwaltung und Fachleute sitzen den Räten gegenüber, deren Tische sind in zwei bis drei Reihen eckig oder halbrund angeordnet.
Wolfgang Weingart vom Büro Teleplan übernahm den technischen Part. Ende April hat das Innenministerium die lange angekündigten Vollzugshinweise für Hybridsitzungen veröffentlicht. Auf die Bildqualität wird dabei wenig Wert gelegt, eine fest installierte Kamera im Sitzungssaal würde reichen.
Die Tonqualität ist der Knackpunkt. Denn jeder Gemeinderat und auch die Zuhörer müssen alle Redebeiträge der im Saal anwesenden und der online zugeschalteten Räte verstehen können. Mit einem einzelnen Mikrofon sei das nur zu machen, wenn dieses höchst sensibel ist, so Weingart.
Konferenzanlage
ist gut und teuer
Die für seine Begriffe beste, wenn auch mit 800 bis 1500 Euro pro Platz – bei 30 Plätzen zwischen 24000 und 45000 Euro – teuerste Lösung wäre eine Konferenzanlage mit Einzelmikrofon und Lautsprecher auf jedem Platz plus Lautsprecher für die Zuhörer, „auch wenn da durch die zwingende Verkabelung Stolpergefahr besteht“. Die Konferenzanlage hat sich, so die Aussage der zuständigen Redaktionskollegen, beim ins Kuko ausgelagerten Rosenheimer Stadtrat bewährt.
Stephan Mayer, Fraktionschef der Parteifreien, wollte zwar nicht von einer zweiten Pandemie ausgehen, fand aber, die Gemeinde müsse sich auf Hybridsitzungen vorbereiten, das sei schlicht ein Zeichen der Zeit. Ein Beschluss fiel nicht. Stattdessen gab es von der Verwaltung Hausaufgaben für die Gemeinderäte (siehe Infokasten).