Auf den Spuren der Steinhauer

von Redaktion

Kulturführungen entlang der Biber – Wissen um längst vergessenes Handwerk

Brannenburg – Tief hängen die Wolken über Degerndorf bei Brannenburg. Und inmitten dieses Nebels ragt die Biber imposant in die Höhe. 850 Meter lang und 400 Meter breit erhebt sich der Felsen etwa dreißig Meter über dem Tal.

Dr. Bernhard Stalla, Historiker sowie Diplom-Pädagoge für Erwachsenenbildung, und Dr. Barbara Mütter, Sprachwissenschaftlerin und Lehrerin, stehen an der Kreuzung Biberstraße/Dapferstraße. Dort beginnt ihre Führung in die Welt der Steinhauer. Seit fünf Jahren bieten die beiden entlang der Biber Kulturwanderungen an. In rund sechzig Minuten geben die Experten ihr Wissen über den längst vergessenen Beruf des Steinhauers weiter. Auch heute noch werde an der Biber Gestein abgebaut, wissen Stalla und Mütter. Immer noch hat der Fels eine bedeutende Funktion für den Ort Brannenburg.

Die Biber ist seit 2000 ein Naturdenkmal

Die Biber – abgeleitet von dem keltischen Wort „bior“, was so viel wie Hügel oder Anhöhe bedeutet – ist in Brannenburg ein Naturdenkmal, erklärt Stalla, während er durch einen Wiesenweg stapft. Seit dem frühen Mittelalter wurden in Altenbeuern und Brannenburg Mühlsteine gebrochen, die für Wassermühlen verwendet wurden. Hergestellt wurden diese Rohsteine von sogenannten Steinhauern. Es bedurfte Präzision und Geschick, um einen solchen Rohstein aus den Gesteinsschichten zu lösen.

Auch an der Biber waren die Steinhauer vor Hunderten von Jahren tätig. „Seit November 2000 ist die Biber als größtes Naturdenkmal in Bayern unter Schutz gestellt“, sagt Stalla. Auf ihr befinden sich die frühbarocke Wallfahrtskirche St. Magdalena mit zugehörigem Kreuzweg sowie eine Nagelfluhgesteinsanhöhe.

Der sogenannte Biber- oder Nagelfluhstein ist ein „Steinkonglomerat“ aus der Eiszeit vor 300000 Jahren, weiß Stalla. Weil der Stein wie ein „Nagel“ in dem Gestein (fluh oder fluhe) herausragt, wird dieser auch Nagelfluhstein genannt. Ab 905 vor Christus wurde der Brannenburger Nagelfluh als Mühlstein verwendet, später auch zum Bau von Kirchen, erzählt Stalla und deutet auf die Biber.

Die Mühlsteine wurden von den Steinhauern aus dem Gestein herausgeschlagen. Eine körperlich sehr anstrengende Arbeit, betont Barbara Mütter, während sie im Gras marschiert, auf dem Weg zur ersten Station: dem Magdalenen-Denkmal.

Magdalena sei die Schutzpatronin der Einsiedler und Eremiten, sagt Stalla. „Nach ihr ist auch die Magdalenen-Kirche benannt.“ Am westlichen Fuße der Treppe zur Wallfahrtskirche thront ein 3,5 Meter hoher Nagelfluhblock. Hier, so setzt Mütter an, haben Steinhauer versucht, Mühlsteine herauszubrechen. Mithilfe von Federn und Keilen. „Wenn die Steinhauer mit ihrer Arbeit begonnen haben, haben sie unter Umständen feststellen müssen, dass der Stein nichts taugt.“ Alt seien die Steinhauer nicht geworden, denn die Arbeit sei beschwerlich gewesen. Es hätte mindestens zwei bis drei Tage gedauert, bis drei Männer aus dem Gestein einen einzigen Mühlstein herausgehauen hätten.

Beruf ist mittlerweile schon ausgestorben

Doch warum eignete sich der Nagelfluh-Stein eigentlich als Mühlstein? „Die äußere Struktur des Gesteins war ideal für das Mahlen von Getreide“, erklärt Mütter. „Es war nicht notwendig, dass der Stein ganz glatt war.“ Damals seien diese begehrten Steine über den Inn bis nach Böhmen und Ungarn verkauft worden, ergänzt Stalla. Mittlerweile sei der Beruf der Steinhauer ausgestorben. „Und zwar deshalb, weil die Steine dann irgendwann industriell hergestellt wurden.“

Und dennoch gibt es noch drei Steinbrüche, die rund um die Biber angesiedelt sind: Familie Feicht, Familie Huber und Familie Grad. „Bei Familie Huber kann man die ,Haurechte‘ bis in das Jahr 1597 zurückverfolgen. Um das Jahr 1840 waren zehn Steinbrüche in Betrieb“, schildert Stalla.

Direkt neben dem Denkmal führt eine Treppe mit 185 Stufen hinauf zu einer Eremiten-Höhle. Dort siedelte sich um 1626 der erste Eremit Johannes Schell an, ruft Stalla aus dem Gedächtnis ab. Auch das gehöre zur Geschichte der Biber dazu. Heute werden die Höhlen vom Trachtenverein Degerndorf gepflegt und instandgehalten.

Ein paar Stufen weiter erstreckt sich ein hufeisenförmig angelegter Kreuzweg mit 14 Stationen samt Wallfahrtskirche. Dieser wurde 1733/1734 erbaut und ist weitgehend im Originalzustand erhalten.

Mütter und Stalla liegt es am Herzen, ihr Wissen rund um die Biber weiterzugeben. Denn sie sind überzeugt: Viele wüssten gar nicht, dass hier, auf Nagelfluhgestein-Anhöhe, eine Eremiten-Höhle, geschweige denn ein Kreuzweg verborgen liegen. Und das sei unendlich schade.

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