Lernen als großes Abenteuer

von Redaktion

Die Volkshochschule Brannenburg bietet Kurse für angehende Abc-Schützen an

Brannenburg – Für die Kinder ist es ein Riesenspaß: Zehn, neun, acht zählen sie laut, immer weiter bis null und bewegen sich mit ihrer Lehrerin Ricarda Bichler dabei rückwärtsgehend im Kreis. Nichts Besonderes? Und ob! Die zehn Mädchen und Buben sind nämlich noch gar keine Schulkinder, sie gehen noch in den Kindergarten. Dass sie sich dennoch in einem Klassenzimmer der Maria-Caspar-Filser-Schule in Brannenburg befinden, ist einem Projekt der Volkshochschule Brannenburg zu verdanken. Die bietet in diesem Jahr einen besonderen Kurs, nämlich eine „Vorschule in der Schule“, an.

Veranstalter
füllt Lücke

Für alle, die selbst keine kleinen Kinder im entsprechenden Alter haben, wirkt das zunächst sonderbar: Vorschule? Machen das denn eigentlich nicht die Kindergärten? Normalerweise schon, sagt die Grundschullehrerin Ricarda Bichler, und sie machen es top. Nur hat Corona auch den Alltag der Kindertagesstätten gehörig durcheinandergewirbelt. Auch dort war über Monate hinweg kein normaler Betrieb möglich, wenn denn die Kinder überhaupt in die Einrichtungen gehen durften.

Das hat, so erklärt Verena Reichl, die Leiterin der Brannenburger Volkshochschule, dazu geführt, dass ihr eine Freundin, auch sie Lehrerin, im Frühjahr erzählt habe, dass sie sich ein wenig vor dem Schuljahresanfang im Herbst fürchte. Frühjahr, das war ja noch die Zeit des massiven Lockdowns und da war eben die Sorge da, dass die Kinder am ersten Schultag völlig unvorbereitet in kaltes und unbekanntes Wasser geworfen werden könnten.

Die Idee, hier über die Volkshochschule in diesem Jahr ein Vorbereitungsprogramm anzubieten, war schnell geboren. Auch die Gemeinde, die in Brannenburg die Trägerin der Volkshochschule ist, glücklicherweise leicht mit ins Boot zu holen, dazu noch der Elternbeirat der Grundschule, beide als Finanziers des Angebotes und dann natürlich auch die Schulleitung. Vierzig Kinder, verteilt auf vier Gruppen, treffen sich deshalb einmal in der Woche am Nachmittag in der Schule, insgesamt sechs Mal, um jeweils eine Stunde lang direkt vor Ort das Schulkindsein spielerisch zu erlernen.

Und dieses vor Ort sein ist in der Tat einer der großen Vorteile des Volkshochschulangebotes. Wer je an einem ersten Schultag mit dabei war, weiß, dass man es den Kindern ansieht: Da ist nicht nur Freude, da ist bei vielen auch ein gehöriges Stück Unbehagen über die fremde Umgebung.

„Schulkind zu werden“, sagt dazu Ricarda Bichler, „ist eine enorme Leistung. Längere Zeit still sitzen, auch längere Zeit leise sein, sich auf eine Arbeit zu konzentrieren, das ist schon unabhängig vom Lernstoff eine große Herausforderung. Und die Tatsache, dass das alles in einem völlig neuen Umfeld passiert, macht den Anfang nicht leichter“.

Für die 40 Kinder aber, die an dem Brannenburger Projekt teilnehmen, ist das große Schulhaus nichts Fremdes mehr. Es ist ja fast schon „ihr“ Schulhaus. Wie selbstverständlich es bereits nach drei „Schulstunden“ geworden ist, zeigt sich an folgendem kleinen Erlebnis: Ein Mädchen meldet sich. „Ich muss auf die Toilette“, sagt sie, wartet das Nicken von Ricarda Bichler ab, setzt ihre Maske auf und verlässt zielstrebig das Klassenzimmer. Für sie ist das schulkindhafte Verhalten – Melden, Maske aufsetzen und der Weg zur Toilette – offenbar nichts Unbekanntes mehr.

Stolz auf die
Arbeitsmappe

Noch wichtiger ist aber vielleicht etwas anderes, und zwar, was die Kinder lernen: dass Schule richtig Spaß machen kann. Ob sich die Kinder an Zahlen üben oder an Wörtern.

Ricarda Bichler versteht es ebenso wie ihre Kollegin Friederike Lamprecht, das Lernen zu einem großen Abenteuer zu machen. Und dass die Kinder schon eine kleine Arbeitsmappe haben, erfüllt sie sichtlich mit Stolz: Sie gehören damit eben schon jetzt fast „zu den Großen“.

Daraus erklärt sich wohl auch, dass die Aktion der Volkshochschule, die weit und breit bislang einzigartig ist, von den Kindern selbst das größte Kompliment bekommt. „Wir haben etliche Nachmeldungen für den Kurs bekommen“, berichtet Verena Reichl, „die entsprechenden Eltern erklärten uns, dass sie selbst den Kurs nicht als unbedingt notwendig empfunden hätten, von ihren Kindern aber dazu gedrängt worden seien, mitmachen zu dürfen. Die hätten von den anderen im Kindergarten erzählt bekommen, wie unglaublich toll das sei“.

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