Stephanskirchen – „In Bayern gehen die Uhren anders“ – diesen Satz hört man oft, wenn es um bayerische Lebenseinstellungen und Eigenarten geht. Dass es in Bayern eine Uhr gibt, die in der Welt einmalig ist, das ist einem genialen Oberpfälzer Erbauer zu verdanken. Die größte Kunstuhr der Welt arbeitet nach langer Sanierung wieder in neuem Glanz. Zu bestaunen ist die „Welt-Uhr“ beim Gocklwirt in Stephanskirchen.
Gebaut hat das 5,35 Meter breite, drei Meter hohe und 1250 Kilogramm schwere Meisterwerk Josef Greß aus Trosendorf im Landkreis Cham. Von 1879 bis 1881 war Greß drei Jahre mit Unterstützung seines Bruders Baptist unermüdlich tätig. Die Uhr verfügt über 50 handgefertigte Figuren und ist aus 470 Zahnrädern und Einzelteilen zusammengesetzt. 14 Ziffernblätter zieren die Uhr, sie zeigen die Zeiten der größten Städte Europas sowie Datum, Monat und Schaltjahre an.
Die Mammut-Uhr hat unter anderem folgende Bauteile und Botschaften: Minuten- und Viertelschläger, die vier Menschenalter (Kind, Jüngling, Mann und Greis), den Schutzgeist (für die ersten drei Menschenalter), eine Musik-Uhr, die nach Beendigung des Läutens zwei Stücke spielt, sieben heidnische Gottheiten, die vier Jahreszeiten, die zwölf Sternzeichen, eine Weltkugel, die sich alle 24 Stunden um ihre Achse dreht, Sonne, Mond und Sterne, das Leiden Christi (jeden Tag zwei Stationen), Christus und die zwölf Apostel und der Hahn, der dreimal kräht, wenn die Apostel an Christus vorbeikommen.
Als Greß nur kurze Zeit nach seiner Werks-Vollendung im Jahr 1881 verstarb, nahm sich sein Bruder des Erbes an. 30 Jahre war er zu Vorführungen unterwegs. Der Transport erfolgte in 30 Kisten mit Pferdefuhrwerken und mit der Bahn. Als Greß 1918 verstarb, kam die Uhr nach Friedberg bei Augsburg, landete in einem Abstellraum.
Als sie dort zufällig von Ludwig Hartinger 1928 entdeckt wurde, brachte dieser mit dem Uhrmacher Fuchs die Welt-Uhr wieder auf Vordermann. Bis 1933 ging Hartinger mit der Uhr auf Reisen, im Zweiten Weltkrieg versteckte er sie und als er 1956 ins eigene Haus in Wiechs zog, hatte er wieder Platz für das Wunderwerk, das Besucher aus dem In- und Ausland anzog.
Aus Altersgründen gab er 1972 die Kunstuhr an Toni Rietz, den Gastwirt in Weinberg am Simssee ab. Der „Gocklwirt“ hatte sich 16 Jahre lang in Verhandlungen um den Erwerb bemüht, stellt die Uhr seitdem aus. Anton Hötzelsperger