Aschau – Es war im November 1918 nach dem Ende der Monarchie, als drei bayerische Königstöchter fliehen mussten und eine sicheren Ort im südlichen Zipfel des Königreiches suchten. So kamen Prinzessinnen Hildegard (damals 37 Jahre), Wiltrud (34 Jahre) und Gundelinde (27 Jahre) schließlich nach Aschau.
Bei einem leichten Abendrundgang durch Vorder- und Hintergschwendt führte Historikerin Martina Stoib aus Frasdorf nun geschichtsbewusste Zuhörer – unter ihnen alle drei Aschauer Bürgermeister – auf die Spuren der drei Hoheiten. Der unmittelbar bevorstehende 100. Todestag des letzten bayerischen Königs Ludwigs III. gab den Anlass dazu, sich mit diesem kurzen Zeitabschnitt im Leben der bayerischen Königsfamilie zu beschäftigen.
Während über seinen Cousin König Ludwig II. und seine Schlösserbauten ganze Bibliotheken mit Lebensbeschreibungen gefüllt wurden, gibt es zum Leben und zur Regierungszeit von Ludwig III. recht wenig historisches Material. Doch die Flucht aus München und der Aufenthalt der Prinzessinnen in Gschwendt und Laiming sind im Gedächtnis der Chiemgauer Bevölkerung rund um Wildenwart und Aschau fest verankert.
Auf und davon in
defekten Autos
Martina Stoib machte mit Zitaten aus dem persönlichen Tagebuch der Prinzessin Wiltrud und den Erinnerungen der Gschwendtner Bauern die Stationen der Flucht der drei Frauen nach über 100 Jahren für die Zuhörer an den Originalschauplätzen wieder lebendig.
Die Ereignisse sind im Raum Wildenwart – Frasdorf – Aschau noch heute präsent und nicht nur bei den örtlichen Heimat- und Geschichtsvereinen bekannt. Es wird ja gerne erzählt, ein Arbeiter habe am Nachmittag des 7. November 1918 dem ahnungslos im Hofgarten spazierenden König zugerufen: „Majestät gengans hoam, Revolution is, sonst passiert eahna was!“
So simpel war die Lage freilich nicht, erst recht nicht für die Familie Ludwigs III., des letzten bayerischen Königs. Der stand politisch schwer unter Druck, seine Frau lag sterbenskrank darnieder, und die neun noch lebenden Kinder hatten Angst, ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie die russische Zarenfamilie, die einige Monate zuvor von Bolschewiken ermordet worden war. Ihr Schicksal stand allen gekrönten Häuptern im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn ganz plastisch vor Augen und die Angst vor den Aktionen der ungezügelten Soldaten- und Arbeiterräte war überall da.
Mit zwei Automobilen machte sich die königliche Familie noch in der Nacht auf ihren Weg nach Schloss Wildenwart. „Alles kam so überraschend, nichts war vorbereitet“, notierte Wiltrud in ihrem Tagebuch. In drei defekten Automobilen ohne Luft in den Reifen und ohne Licht setzte sich die königliche Familie am Abend des 7. November in Richtung Süden ab.
Wirtin gewährt
ein Notquartier
„Trotz der Flucht und des winterlichen Hauses waren wir in Wildenwart daheim und geborgen. Wir Übernächtigten ruhten nach Tisch aus, denn wir sagten uns: vielleicht müssen wir bald wieder fliehen“ – so die Aufzeichnungen von Prinzessin Wiltrud. Schloss Wildenwart war jedoch, trotz seiner Abgeschiedenheit auch den neuen Machthabern in München als Sommerresidenz der Königsfamilie bekannt. So fühlten sich der König und seine Familie auch hier nicht sicher und man beschloss sich zu trennen.
König Ludwig III. ging mit der schwer kranken Königin Maria Theresia und der ausgebildeten Krankenschwester Prinzessin Helmtrud ins Schloss Anif, die drei Prinzessinnen machen sich in der Nacht zum 9. November zu Fuß in bäuerlicher Kleidung auf ins abgeschiedene Hintergschwendt unterhalb der Kampenwand und klopfen schutzsuchend an die Türen der Gehöfte.
Die Wirtin, Kathi Meier, genannt die „Belzin“ des kleinen Gasthofes in Hintergschwendt, richtete ein Notquartier in zwei Zimmern her. Am 9. November hüllte starker Nebel das Hochplateau ein, Prinzessin Wiltrud ging am Nachmittag zum Feldkreuz hinauf. An diesem ließ sie später eine Erinnerungstafel anbringen. Nur spärlich sickerten Gerüchte vom Schicksal der Familie und von den politischen Unruhen durch. Am 10. November war der 34. Geburtstag von Wiltrud, gut verkleidet ging sie mit Gundelinde und mit der Wirtstochter Nani (Anna) um 7 Uhr früh zum Hochamt nach Bernau hinunter. Auch der damals getragene Hut ist noch erhalten geblieben.
Eine Gedenktafel
zur Erinnerung
Am 19. November kehrten die drei Königstöchter wieder zurück nach Wildenwart, einen Tag vorher war dort wieder das Königspaar angekommen. Hintergschwendt und die dortigen Gastgeber waren für die drei Prinzessinnen eine wichtige Bleibe auf Zeit, die gute Obhut blieb den Schwester Wiltrud, Hildegard und Gundelinde in dankbarer Erinnerung. Sowohl der König, wie auch die Schwestern bedankten sich bei den Gastgebern, ein Hausaltar – zuletzt öffentlich bei der Ausstellung im Alten Schulhaus in Frasdorf gezeigt – erinnert noch heute in Hintergschwendt an die ereignisreichen Tage. Ein Wegekreuz trägt eine Gedenktafel zur Erinnerung an Prinzessin Wiltrud.
Wer sich für die Originalschauplätze und die Gedanken der Prinzessinnen interessiert, kann dies im Buch von Christiane Böhm „Eben noch unter Kronleuchtern“ wunderbar nachlesen. Dort entstehen die zehn Tage während der Revolution 1918/1919 noch einmal ganz plastisch zum Nachlesen.