Radeln mit Freude und ohne Angst

von Redaktion

Dank spezieller Modelle sind behinderte Menschen wieder mobil

Stephanskirchen/Bruckmühl – In die Pedale treten, losradeln und den Fahrtwind genießen. Für viele ist Fahrradfahren eine Selbstverständlichkeit, nicht aber für Johanna Wölfel. Die 73-jährige Rentnerin aus Stephanskirchen ist sehbehindert und kann schon lange nicht mehr einfach losradeln. Früher ist sie mit dem Rad noch bis Kiefersfelden gefahren. Um Menschen wie Wölfel wieder das Radfahren zu ermöglichen, gibt es behindertengerechte Räder.

Wunsch nach
mehr Bewegung

Johanna Wölfel steht im Alltag vor großen Herausforderungen. „Es ist schrecklich, wenn man nicht mehr einfach von A nach B kommt“, erzählt die Rentnerin. Sie leidet an einer erblichen Netzhautdegeneration im fortgeschrittenen Stadium. Die Krankheit verläuft in Schüben. Der letzte war besonders schlimm. „Ich sehe fast nichts mehr“, sagt Wölfel. Mit Bussen und Zügen traue sie sich nicht mehr zu fahren.

Johanna Wölfel ist übers Internet auf die Räder für behinderte Menschen gestoßen und würde diese gerne ausprobieren. „Es wäre toll einmal damit zu fahren“, sagt sie. Sich selbst so ein Rad zu kaufen, kommt für die Rentnerin aber nicht infrage. Für sie seien die Räder zu teuer und sie bräuchte auch jemanden, der mit ihr gemeinsam fährt. Ihr Mann lebt nicht mehr und sonst weiß sie niemanden.

Christiane Grotz aus Bruckmühl kennt den Wunsch nach Mobilität: Sie ist Mutter einer behinderten Tochter namens Katharina. Für sie war klar, dass ein Fahrrad her muss. Über Recherche ist sie auf behindertengerechte Räder gestoßen und hat in München ein Tandem-Fahrrad und ein Dreirad gekauft. „Bisher sind wir sehr zufrieden, vor allem weil es einen Rückwärtsgang gibt, was beim Ausparken praktisch ist“, sagt die Behindertenbeauftragte des Landkreises. Bei den batteriebetriebenen Rädern gibt es einen „Piloten“, der lenkt und tritt, und einen „Passagier“, der nur tritt.

Die behindertengerechten Fahrräder sind allerdings kostspielig. Ein Rad mit Standardausrüstung kostet rund 9000 Euro. Laut Grotz ist es schwierig, dafür eine Förderung zu bekommen.

„Wir haben es mit einem ärztlichen Attest versucht, aber das wurde abgelehnt.“ Trotz der hohen Kosten sind Christiane und Katharina Grotz froh, dass sie die Räder für den Alltag haben. Die beiden fahren damit oft durch den Ort. Dabei werden sie oft auf ihre besonderen Gefährte angesprochen.

„Als wir beim Einkaufen waren, standen drei Männer um das Dreirad und waren ganz begeistert“, erzählt Christiane Grotz schmunzelnd. Sie wünscht sich, dass die Gemeinde solche Räder stärker unterstützt.

Der Behindertenbeauftragte von Stephanskirchen, Harald Oberrenner, sitzt selbst im Rollstuhl und findet die Fahrräder prinzipiell gut. Jedoch glaube er nicht, dass die Gemeinde Räder kaufe und ausleihe. „Das Problem sind die hohen Anschaffungskosten und die rechtlichen Aspekte“, sagt Oberrenner. Außerdem frage er sich, wer die Wartungsarbeiten übernehmen soll. Laut ihm macht Stephanskirchen viel für Menschen mit Behinderung.

Für Christina und Katharina Grotz hat sich die Investition gelohnt. Sie können mit den Rädern problemlos auf der Straße fahren. Als nächstes Ziel haben sich Mutter und Tochter Bad Feilnbach vorgenommen. Bislang seien die Räder nicht weit verbreitet, aber Christine Grotz hofft, dass sich das ändert. Denn eines steht fest: Durch die behindertengerechten Räder können Menschen mit Handicap endlich wieder mit Freude und ohne Angst radeln.

Die „Radlalm“ in Großkarolinenfeld

Das Zweiradgeschäft ist auf Räder für beeinträchtigte Menschen ausgerichtet und verfügt über 60 verschiedene Modelle. Die Preise beginnen bei etwa 4000 Euro. Medizinproduktberater Thomas Hanspach hilft weiter, wenn es um Zuschüsse von Krankenkassen für die Fahrräder geht. Verkäuferin Sonja Obermeyer sagt: „Es ist toll, Menschen mit Handicap das Fahrradfahren wieder zu ermöglichen.“

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