Oberaudorf/Bayrischzell-Sudelfeld – „Gemeinschaft erleben“, ist das Motto von Jugendherbergen. Lange Zeit war aber genau das nicht möglich, denn Klassenreisen waren aufgrund von Corona verboten. Jetzt sind Schulfahrten wieder erlaubt. Die Jugendherbergsbetreiber können aufatmen.
Enttäuschung,
aber auch Hoffnung
Ein „Gefühl freudiger Erleichterung“: Mit diesen Worten beschreibt Ruth Gaßner vom Jugendbildungshaus ihre Reaktion auf die Nachricht, dass Klassenfahrten wieder erlaubt sind. Die Zeit der Pandemie war für die Unterkunft von Existenzängsten und Enttäuschungen dominiert. 2020 war das Jugendbildungshaus mehr als die Hälfte des Jahres nicht belegt. „Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen – auf vielfältige Art und Weise.“
Gaßner sieht die vergangene Zeit aber auch als Hoffnung, denn ihrer Meinung nach ist es eine Möglichkeit zur Bestandsaufnahme und Neuorientierung. Das Jugendausbildungshaus Luegsteinsee sei auch noch immer fest in den Köpfen der Menschen verankert: „Sie haben eine starke Sehnsucht danach, wieder in einer Gruppe Gleichgesinnter eine Auszeit vom Alltag bei uns am Luegsteinsee verbringen zu dürfen.“
Laut Gaßner ist der reale Kontakt für Kinder und Jugendliche mit Gleichaltrigen unabdingbar und nicht durch Chatgruppen zu ersetzen. „Wir wünschen uns, dass gerade junge Menschen auch in Zeiten immer weiter fortschreitender Digitalisierung und virtueller Vernetzung immer wieder erleben dürfen, dass reale Sozialkontakte für ein glückliches Leben wichtig sind.“
In die Zukunft blickt Ruth Gaßner optimistisch. sie hofft jedoch, dass noch mehr Normalität einkehrt. Für das restliche Jahr ist die Jugendherberge jedenfalls schon gut ausgebucht.
Angie und Mike Sebrich von der Jugendherberge Bayrischzell-Sudelfeld freuen sich ebenfalls, dass Klassenreisen wieder möglich sind. „Schulfahrten sind sehr wichtig, um gemeinsame Erlebnisse zu schaffen“, sagt Angie Sebrich. Wo normalerweise lautes Kinderlachen zu hören ist, herrschte monatelang Stille.
Kurzarbeit, keine Gäste und viele bange Momente: Hinter den Herbergsleitern liegt eine Zeit der Unsicherheit. „Bis Mitte März 2020 waren wir ganz normal belegt, aber danach war plötzlich alles tot.“
Normalerweise beherbergt die Unterkunft jährlich etwa 14000 Gäste. Im Jahr 2020 waren es 6000 und damit weniger als die Hälfte. In diesem Jahr gab es bislang lediglich 2500 Übernachtungen. Diese Einbrüche seien für die Jugendherberge dramatisch.
Daher ist Angie Sebrich froh, dass wieder Schulklassen kommen dürfen. Für sie sei das ein Licht am Ende des Tunnels. „Es ist glücklicherweise auch ein Aufwärtstrend sichtbar“, sagt Sebrich. Und nicht nur die Herbergsleiterin könne aufatmen, sondern auch ihre Gäste.„Wir merken richtig, wie sehr die Schüler den Aufenthalt nach der langen sozialen Isolation bei uns genießen“, erzählt Angie Sebrich. Laut ihr wollen die Kinder jetzt einfach nur noch raus und gemeinsam Zeit verbringen.
Die Herbergsleiterin zeigt sich besorgt, denn die Pandemie hat ihrer Meinung nach viele negative Folgen bei Jugendlichen hinterlassen. So habe sich der Medienkonsum bei jungen Menschen von zwei auf vier Stunden verdoppelt. Sebrich wünscht sich daher von der Politik, dass sie Klassenfahrten jetzt mehr denn je fordert und fördert. „Eine Schulreise soll nicht als Zeit zum Faulenzen gesehen werden, sondern als Zeit der sozialen Bildung“, sagt Angie Sebrich.
Branche klagt über
Personalmangel
Die Herbergsleiterin blickt hoffnungsvoll in die Zukunft, denn für 2022 habe die Unterkunft bereits sehr viele Buchungen erhalten. „Ich hätte das Haus dreimal verkaufen können, weil so viele Anfragen reinkamen“, erzählt Sebrich. Jedoch zeigt sie sich auch besorgt, weil ihnen derzeit noch eine Arbeitskraft fehlt. Der Personalmangel zeige sich aber nicht nur bei ihnen ab, sondern in der ganzen Branche. Derzeit sei es schwierig Menschen für die Gastronomie zu begeistern. Laut Sebrich wollen viele nicht abends arbeiten und regelmäßige Arbeitszeiten haben. Nach der schwierigen Zeit gibt sich die Herbergsleiterin aber optimistisch: „Es wird schon wieder.“