Ein Doktor rund um die Uhr

von Redaktion

Nachruf Pruttinger Landarzt Dr. Ahmed Nour-El-Din ist gestorben

Prutting – Er war „da Dokta vo Prutting“: Dr. Ahmed Nour-El-Din ist vergangene Woche im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen Mann, der vor allem für seine nie endende Hilfsbereitschaft bekannt war.

„Wir sind mit den
Leuten alt geworden“

Ahmed Nour-El-Din hatte ein ganz spezielles Lächeln. Seine Augen verzog er dabei zu schmalen Schlitzen, Lachfältchen bildeten sich rundherum, sein Mund wurde breit. Er lachte viel. So kannten ihn die Pruttinger. Und er kannte sie.

Nour-El-Din war 38 Jahre lang der Arzt im Dorf. Er hat viele Menschen schon behandelt, als sie Kinder waren und auch später noch, als sie bereits Erwachsene waren. „Wir sind mit den Leuten alt geworden“, sagt Irmingard Nour-El-Din. Seine Witwe muss lächeln. Sie war all die Jahre Arzthelferin in der Praxis ihres Mannes, hat ihn dort auch kennengelernt.

Zusammen haben sie viel erlebt. Nicht nur zu den normalen Sprechstundenzeiten kamen die Patienten. Auch nachts oder am Wochenende, wenn sich Unfälle ereigneten, mal wieder eine Scheune brannte oder sich irgendwo jemand prügelte. Die Verletzten wurden alle zu den Nour-El-Dins gebracht. Das Wohnhaus der Familie lag direkt neben der Praxis. „Jeder wusste, er kann hinten bei uns läuten“, erinnert sich Irmingard Nour-El-Din.

Die beiden röntgten Knochen, versorgten Brüche, nähten Wunden und öffneten Abszesse. Wozu man heute zu Fachärzten gehen muss, erledigte Ahmed Nour-El-Din einfach selbst. „Das war früher einfach so“, sagt seine Frau. Und genau so selbstverständlich war, dass die Pruttinger bei dem Ehepaar immer Hilfe bekamen.

Eine Praxis auf dem Land zu eröffnen, das war immer der Traum des gebürtigen Ägypters. Vorher arbeitete er als Chirurg im Rosenheimer Klinikum. Eine Leidenschaft, die beim Filetieren von Fisch oder Zerlegen von Brathähnchen später immer wieder zum Vorschein kam, erzählt Irmingard Nour-El-Din.

Medizin hatte ihr Ehemann in Heidelberg und München studiert. Mit 17 Jahren kam er aus Ägypten, wo er mit acht Geschwistern aufgewachsen war, nach Deutschland. Die Sprache brachte er sich selbst bei.

Zurück in sein Geburtsland wollte Ahmed Nour-El-Din nie. Prutting war seine Heimat, dort war er verwurzelt. Er ging gern zum Stammtisch, war im Sport- und Schützenverein und liebte die bayerische Volksmusik.

Patienten klingelten
Tag und Nacht

2006 musste er seine Praxis schließen. Ein Gesetz, das mittlerweile nicht mehr gilt, untersagte Hausärzten über 68 Jahre die Behandlung von Kassenpatienten. Das war schwer für ihn.

„Er ist immer ruhiger geworden und hat sich zurückgezogen“, sagt seine Frau. „Ahmed hätte gern noch weitergearbeitet, er war noch fit.“

Für seine Kinder – drei aus der Verbindung mit Irmingard Nour-El-Din und zwei aus erster Ehe – war der Arzt eine Art Kompass. „Er war immer ein guter Ratgeber, wenn schwierige Entscheidungen anstanden“, sind sich seine Kinder einig. Ihr Vater habe immer eine „ehrliche, offene und objektive Meinung“ vertreten. Eine Eigenschaft, die nicht nur seine Familie, sondern auch viele Pruttinger vermissen werden. Alexandra Schöne

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