„Ich wusste nicht, wie es weitergeht“

von Redaktion

Wendelsteinbahner Hans Vogt erzählt von den harten Wintern und Kameradschaft

Brannenburg – „Wenn man mich nach meinem Beruf gefragt hat, hab ich immer gesagt: Ich bin Wendelsteinbahner.“ In diesem Satz des 74-jährigen Hans Vogt steckt der Stolz, zu einem Betrieb gehört zu haben, in dem man ganz eng zusammenhält. Es steckt aber auch die Tatsache darin, dass jemand, der bei der Wendelsteinbahn arbeitet, nie nur einfach am Schalter sitzt, Schlosser oder Lokführer ist, sondern eigentlich ein Universaltalent.

Die Strecke war
total unbefahrbar

Deutlich wird beides auch an folgender Geschichte. Als Hans Vogt am Sonntag, den 17. November 2002, kurz nach einem äußerst heftigen Föhnsturm, die Strecke beging, tat er das als stellvertretender Betriebsleiter. Und wie er erzählt, war das der Moment, in dem er sich am Rand der Verzweiflung befand: Die Strecke war absolut unbefahrbar, Bäume lagen auf den Schienen, die Fahrdrähte waren herabgerissen, oft die Fahrdrahtmasten selbst umgeknickt. „Ich wusste in dem Moment wirklich nicht, wie es weitergehen sollte“.

Als er am Montag in aller Früh in die Arbeit ging, mit der Absicht, die Mitarbeiter zu einer Krisensitzung zusammenzurufen, waren die schon da. Alle. Und jeder hatte von zu Hause Werkzeug mitgebracht: Sie waren mit Traktoren da, Seilwinden und Kettensägen und ihre einzige Frage war: „Wo fang ma o?“

Bei der Wendelsteinbahn lebte man schon immer in unmittelbarem Kontakt mit dem Wetter, bei einer Hochgebirgsbahn, die bis auf 1700 Meter führt, nicht verwunderlich. Und besonders deutlich wird das im Winter, auch wenn der heutige Fahrgast davon kaum etwas mitbekommt. Die Bahn fährt selten nicht und wenn sie fährt, sind ihre Fahrgäste absolut sicher. Diese Sicherheit ist ein Ergebnis von über 100 Jahren Erfahrung – und von einigen Unglücken.

Das größte, so sagt Hans Vogt, war das vom 28. Februar 1975, als eine Lawine die Schneeschleuder aus den Schienen warf, die daraufhin ins Reindler Tal abstürzte. Vier Kollegen und der Wirt der Mitteralm haben an diesem schwarzen Tag ihr Leben verloren. Dabei, sagt Hans Vogt, hatte es die sieben Tage zuvor keinen Schneefall gegeben, aber am Tag vor dem Unglück gab es starken Südwind, der Unmengen von Schnee an die Soinwände verfrachtete. Als die Schneeschleuder den Fuß dieser Schneemenge annagte, kam der Hang ins Rutschen.

Lawinengefahren zu beurteilen, sagt Vogt, braucht neben genauester Ortskenntnis vor allem Erfahrung, Erfahrung und noch einmal Erfahrung. Deshalb war der Ausbau der Lawinenverbauungen nur die eine wichtige Maßnahme, die man nach dem Unglück ergriff.

Die andere war, dass die Bemühungen der Lawinenkommissionen, die einige Jahre zuvor an allen Bergbahnen Bayerns eingerichtet worden waren, noch einmal erheblich intensiviert wurden. Für Hans Vogt, der jahrzehntelang auch Obmann der Brannenburger Lawinenkommission gewesen ist, war der winterliche Arbeitsablauf dann immer der gleiche: „In aller Früh hab‘ ich die Wetterstation auf dem Wendelstein angerufen, die es damals noch gab und mich nach der Schneelage, Windrichtung und Windgeschwindigkeiten erkundigt. Daraus bekam man schon einen ersten guten Überblick. Dann bin ich so gut wie immer mit der Schneeschleuder mitgefahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Wenn man einen Berg nach jahrzehntelanger Erfahrung in- und auswendig kennt, sieht man einfach, wo potenzielle Gefahrenbereiche sind, die man durch Sprengen entschärfen muss“. An jenen Stellen, die wegen ihrer Lage und Exposition von Haus aus besonders lawinenträchtig sind, gibt es sogar fest installierte Mini-Seilbahnen, mit denen der Sprengstoff dann ans Lawinenanrissgebiet transportiert wird.

Alle ziehen an
einem Strang

Der Winter, sagt Hans Vogt, ist die anstrengendste Jahreszeit, auch wenn sich die technischen Hilfsmittel im Lauf der vergangenen 100 Jahre natürlich ungemein verbessert haben. Am Anfang wurde der Schnee mit simplen Schneeschilden vor den Lokomotiven beiseitegeschoben. Ein Bemühen, das schnell an seine Grenzen stieß, weil zu viel Schnee auf den Schienen lag oder von den vorherigen Räumaktionen sich schon Schneewälle am talseitigen Hang aufgetürmt hatten. Dann half nur Schaufeln. Oft waren bis zu 30 Mann tagelang im Einsatz, die oft, wenn sie endlich oben angelangt waren, unten erneut anfangen konnten.

Selbst heute, da man über eine Schneeschleuder verfügt, die zweieinhalb Meter hohe Schneewände beseitigen kann, geht es nicht immer ganz ohne Handarbeit: Manchmal reichen die Schneeverwehungen bis hinauf zur Fahrleitung, oder die Eingänge der Tunnel beziehungsweise der Lawinengalerien sind bis oben hin mit Schneefracht verfüllt.

Doch auch heute ist es noch so: Wenn es ganz hart auf hart käme, wäre, wie schon seit 109 Jahren, jeder einzelne Mann der Wendelsteinbahn zur Stelle.

Artikel 3 von 11