Kiefersfelden – So etwas ist der bekannten Puppentheaterspielerin und Kinderbuchautorin Dorle Dengg auch noch nicht passiert. „Mitte Juni letzten Jahres rief meine Enkeltochter Tamara, die in Aschau wohnt, an und teilte mir mit, dass sie einen jungen Spatz auf einer Wiese gefunden hat, der wohl gerade aus dem Nest gefallen war“. Unter dem Bild, das die Enkelin von dem kleinen Spatz schickte, standen die fast schon traurigen Zeilen „Was soll ich mit ihm machen?“.
Dorle Dengg betrachtete sich das Häufchen Elend auf ihrem Smartphone genau: Fast nackt lag er in einer Pappschachtel, so richtig hilflos und eigentlich hoffnungslos verloren. „Das konnte ich nicht zulassen, bring ihn mir, ich werde ihn versorgen“, teilte sie ihrer Enkeltochter sofort mit. In der Zwischenzeit machte sich die engagierte Kiefersfeldenerin im Internet schlau, „was so ein kleines Würmchen wohl braucht“. Die Suche nach einer geeigneten Wärmflasche im Hausfundus war erfolgreich und eine nadellose Spritze, mit der sie den Kleinen füttern wollte, war auch schnell gefunden.
Wärmflasche wärmt
den kleinen Vogel
„Und so wartete ich auf den spätabendlichen Gast, mit ein bisschen Haferflocken, mit Honig gemischt, in lauwarmem Wasser aufgelöst und in die Spritze aufgesogen.“ Zitternd und zusammengekauert lag es da, das kleine Würmchen. „Das hat mich so richtig erbarmt.“ Schnell war aus stabiler Pappe ein kleines Nest gebaut. Die Wärmflasche, mit einem alten Handtuch abgedeckt, diente als wärmender Lagerplatz. „So war es dem kleinen Etwas zumindest nicht kalt und es ist auch gleich unter die Wärmequelle geschlüpft“. Nach einigen Minuten des Wartens dann die nächste Herausforderung, nämlich die erste Fütterung. „Ich habe die aufgeweichten Honig-Haferflocken in die Spritze aufgezogen und die leicht breiige Flüssigkeit dann ganz behutsam in die Mundwinkel meines kleinen Gastes tropfen lassen. Dabei habe ich aber immer Angst gehabt, dass er das nicht packt, sich verschluckt oder gar erstickt.“
Doch zu aller Überraschung begriff der Vogel recht schnell, und „er riss schon nach kurzer Zeit den Schnabel auf und forderte mehr Futter“. Nachdem der erste Hunger so gestillt war, schlief das Tier in seiner Behelfsunterkunft schnell ein, zugedeckt mit flauschigem Papier. „Doch schon am nächsten Morgen, um 5 Uhr in der Früh, meldete er sich wieder mit lautem Piepen“. Der Jungvogel entwickelte in der Folgezeit einen guten Appetit und die Fütterung nahm merklich Fahrt auf.
Angefangen von gestocktem Ei über getrocknete sowie zerriebene Mehlwürmer und Insekten bis hin zu Kanarienfutter – er schlang alles hinunter, was ihm vor den kleinen Schnabel kam. „Nahezu stündlich verlangte er anfangs nach Futter und ich habe rein nach Gefühl gefüttert“, so die Vogelmutter Dorle Dengg.
Der nächste Umzug stand dann schon bald an und sein neues Heim war eine größere Holzkiste. Der Boden war mit Sand gefüllt, damit er das Picken lernt. Auch das erledigte der Vogelzögling mit Bravour und „so langsam habe ich ihn dann in einen Vogelkäfig gesetzt und direkt vor dem Fenster platziert, wo er erstmals Sichtkontakt zu seinen Artgenossen aufnahm. Denn die kamen zusammen mit Specht, Amseln, Rotkehlchen und Meisen mehrmals täglich zur Fütterung vor unser großes Fenster im Wohnzimmer“.
Nachdem das Federkleid immer dichter wurde und der Kleine die ersten Flugversuche startete, erfolgte dann der nächste Schritt. „Ich stellte den Käfig im Freien vor das Fester, und schnell nahmen seine gefiederten Genossen Kontakt zu ihm auf, indem sie sich schon mal auf den Käfig setzten und mit ihm schnäbelten und zusammen munter drauflos piepsten“. Doch die vielleicht größte Herausforderung stand Dorle Dengg noch bevor, das Auswildern des Jungvogels.
„Nach Ende seiner ersten Mauser flog er schon kräftig im Käfig und in unserem Wohnzimmer herum, wobei er mich immer wieder anflog, sich kurz auf meine Schulter setzte und dann wieder abhaute. Scheinbar suchte er den Kontakt zu mir“. Der Spatz legte weiter zu „und nach rund einem Monat habe ich ihn aus seinem Käfig ins Freie entlassen“. Recht schnell erkundete er das für ihn neue Terrain, „wobei sich eine Amsel fast schon rührend um ihn kümmerte, geradeso wie eine Amme, und das hat mich sehr erstaunt. Auch der Kontakt zu seinen Artgenossen klappte ohne Schwierigkeiten und zusammen im Schwarm ging’s mal zu unseren Ponys, an den nahen Kieferbach oder einfach nur zur Vogeltränke im Garten“.
Spatz kommt noch
jeden Tag vorbei
Hier fand der Spatz scheinbar ideale Bedingungen vor, denn er wuchs und wuchs, wobei er die tägliche Fütterung durch seine „Ziehmutter“ nie vergaß. Die ist nach fast dreimonatiger „Intensivpflege“ richtig stolz auf das Ergebnis. „Trotz wenig Hoffnung anfangs, habe ich es geschafft, den kleinen Piepmatz so weit aufzupäppeln, dass er jetzt seinen Platz in der Spatzenkolonie gefunden hat“.
Fast scheint es, als würde der kleine Spatz ihr das auch danken, „denn jeden Tag kommt er ans Fenster und schaut rein, gerade so als wolle er sehen, was so alles in seiner Kinderstube passiert“. Auch jetzt, nach einem halben Jahr hat sich das nicht geändert, „ich habe jeden Tag große Freude, wenn ich ihn und seine gefiederten Freunde, die er immer mitbringt, sehe und wie er sich wohlfühlt in seiner neuen Umgebung“.