Prutting – Anton Tierwald, der an diesem Freitag im engsten Familienkreis zu Grabe getragen wurde, war in Prutting nicht irgendwer. Er war von 1979 bis 1994 der Pruttinger Schulbusfahrer. Um aber als solcher auch nach Jahrzehnten den einstigen Kindern, die jetzt längst Erwachsene sind, in Erinnerung geblieben zu sein, muss man etwas an sich haben, das einen heraushebt. Und das waren bei Anton Tierwald eben nicht nur die „Guttis“, die er für seine kleinen Passagiere parat hatte, auch nicht die Tatsache, dass er die Kinder nicht an irgendwelchen Haltestellen aussteigen ließ, sondern jedes bis vor die Haustür chauffierte. Das waren nur die äußeren Zeichen einer tief empfundenen Zuneigung den Kindern gegenüber. „Kinder“, so erinnert sich seine Tochter Eva Linner, „haben eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit verdient“ – das habe er nicht nur einmal gesagt.
Diese Überzeugung kam nicht von ungefähr. Wie viele seiner Generation – Anton Tierwald war am 27. Mai 1934 geboren worden – erlebte er selbst keine leichte Jugend: Im Alter von zehn Jahren war er mit seiner Familie aus Ceminaz im heutigen Kroatien vertrieben worden, wo es damals eine deutsche Aussiedler-Enklave gab. Die Familie kam zunächst in ein Flüchtlingslager bei Großkarolinenfeld, bis sie in Siferling eine Bleibe fand.
Solche Erlebnisse gehen an keinem spurlos vorüber – wie man sie zu verarbeiten versucht, ist unterschiedlich. Für Anton Tierwald muss eine Erkenntnis gewesen sein, dass man nur mit unermüdlichem Fleiß und Hartnäckigkeit sein Leben selbst gestalten kann. Beides wurde zum Fundament seines Lebens, ergänzt durch ein Drittes: das Bemühen für andere, vor allem für Kinder, und in den Bereichen, in denen es in seiner Macht stand, ein Stück heiler Welt zu schaffen.
„Er war ein liebevoller Patriarch“, sagt Tochter Eva Linner über ihn, „der in seiner Frau Erna eine Partnerin gefunden hatte, mit der er zeitlebens ein wirklich gutes und harmonisches Team gewesen war“. Vier Häuser haben die beiden sich schon in den Anfangsjahren ihrer Ehe gebaut. Nicht um des Besitzes willen, sondern weil Anton Tierwald, der von 1949 bis 1977 bei einer Rosenheimer Baufirma als Maurer arbeitete, immer wieder meinte, es ginge noch ein Stück besser, solider, ausgereifter. Auch als er 1977 in Folge einer Magenkrebserkrankung seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, war er nicht bereit, die Hände in den Schoß zu legen. Nach seiner Genesung wandelte er sich vom Maurer zum Pruttinger Schulbusfahrer und war auch hier nicht bereit halbe Sachen zu machen: Die Überzeugung, dass die Kinder aus Sicherheitsgründen direkt vor die Haustür gefahren werden müssten, ließ er sich auch durch alles gute Zureden seitens der Gemeinde nicht nehmen.
Anton Tierwald führte in dieser Zeit ein reiches und erfülltes Leben, mit einer Tätigkeit, die ihm wichtig war und ihn ausfüllte, aber dennoch genug Zeit ließ für seine vielfältigen sonstigen Unternehmungen: Er hielt sich Hühner und Enten, hatte sich einen Fischweiher gepachtet und war ansonsten auf jeder Baustelle zu finden, die es im wachsenden Familienkreis aus drei Kindern, sieben Enkeln und elf Urenkeln gab. „Der Opa wird’s richten“ war ein gängiger Spruch in der Familie. Und dem Opa wiederum war vor allem die Enkelschar wichtig: „Er freute sich wie ein Schnitzel“, erzählt Eva Linner, „wenn er wieder mal so ein kleines, vor Kurzem geborenes Menschenkind auf dem Schoß haben konnte“.
Dann aber traf ihn das Schicksal noch einmal hart. 2014 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und ihm auch das Sprechen so gut wie unmöglich machte. „Das war“, so sagt seine Tochter, „für ihn eine unglaublich bittere Zeit. Geistig war er noch völlig wach und doch vom früheren Leben ganz und gar abgeschnitten“. Eine Zeit, die dann ganz düster wurde, als Erna Tierwald im Jahr 2019 starb. Glücklicherweise ist aber sein Leben, wenn man es vom Ende her betrachtet, dadurch nicht ganz verschattet worden. Vor zwei Jahren zog er in ein privates Pflegeheim in Riedering, das Haus Renate. Eva Linner beschreibt seine letzte Lebenszeit so: Es ist dies ein Haus, in dem er rundum eine wirklich äußerst liebevolle Betreuung erfuhr, und vor allem auch etwas weniger allein war. Umstände, die wir ihm zu Hause nicht ständig bieten konnten. Er ist dort noch einmal aufgeblüht. Wenn wir ihn fragten, wie es ihm denn so gehe, reckte er den Daumen seiner gesunden Seite nach oben und sagte „Gut!“
Dies eine Geste, die jetzt wohl im Geiste viele ehemalige Pruttinger Kinder machen, wenn sie seiner gedenken: Mit seinem stets schräg aufgesetzten Tiroler Hut am Steuer des VW-Buses, die Guttis stets in Reichweite. Johannes Thomae