Stephanskirchen – Goethe war gut, er wusste schon vor 215 Jahren: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich nun endlich Taten sehn“. Stammt aus dem Faust und passt wie die Faust aufs Auge zum „Marktplatz der biologischen Vielfalt“ in der Gemeinde. In den vergangenen Jahren wurden in Sachen Artenvielfalt reichlich Ideen gesammelt und Konzepte erarbeitet, nun wird es konkret. Der Gemeinderat beschloss in seiner jüngsten Sitzung, was wann mit welchen Fördermitteln in den vier Jahren bis 2025 angepackt wird.
Startschuss mit
Bestandsaufnahme
Dieses Jahr geht es los mit der Kartierung von extensiv genutztem Grünland. Denn, so Thomas Schwarz vom Büro „Landimpuls“, der das Projekt begleitet, extensiv genutztes Grünland gehört zu den artenreichsten Lebensräumen. Bisher habe die Gemeinde aber keinen Überblick, welche Flächen von welcher Qualität vorhanden sind. Deshalb sei der erste Schritt, diese zu kartieren.
„Sehr sinnvoll“, befand Janna Miller (Die Grünen), „aber für die Stephanskirchner nicht direkt sichtbar. Deswegen sollten schon während der Kartierung immer wieder die Erkenntnisse bekannt gegeben werden, um die Bürger mitzunehmen.“ Da war sie sich sowohl mit Schwarz als auch mit Gerhard Scheuerer (Parteifreie) einig. Wobei Letzterer vor allem die Landwirte im Blick hatte. „Die brauchen wir und bei ihnen ist die Stimmung derzeit alles andere als gut.“ Er wisse aus einer anderen Gemeinde, dass ein Landwirt seine Streuobstwiese zerstörte, weil er Angst hatte, sie würde zum Biotop erklärt und das wollte er nicht. „Wir wollen mit den Landwirten sehr eng zusammenarbeiten, sie ins Boot holen und vor allem zusehen, dass sie Fördermittel bekommen“, versicherte Schwarz. Ähnliches gilt für die Filzen. Sie werden bis 2024 darauf untersucht, wo welche Arten vorkommen, welche Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen wo sinnvoll und vor allem realistisch sind, um diese Schatzkästen des Artenreichtums in Zusammenarbeit mit den Grundbesitzern aufzuwerten. Herbert Bauer (Parteifreie) erinnerte daran, dass die Westerndorfer Filze schon mindestens einmal sehr, sehr gründlich untersucht worden sei, „und dann ist nicht viel passiert. Die Umsetzung ist aber ein Knackpunkt! Gibt es dafür einen ungefähren Zeitplan?“ Schwarz sprach von etwa vier Jahren, das hänge aber auch von den Grundeigentümern ab.
Beide Maßnahmen fallen in die Förderung nach der Bayerischen Landschaftspflege- und Naturparkrichtlinie, sodass laut Schwarz für die gemeinsamen Kosten von 50- bis 55000 Euro etwa 90 Prozent Förderung zu erwarten sind.
Parallel dazu laufen bis 2025 die Maßnahmen, die nach der Ideensammlung in „Kulturlandschaft und Kulinarik“ gebündelt wurden. Auch da wird mit einer Kartierung begonnen, werden Streuobstwiesen, vorhandene Biotope und Nutzung sowie Zustand der kommunalen Flächen erfasst, dann ein Biotopverbundkonzept erarbeitet. Denn das beste Biotop nutzt der Gelbbauchunke wenig, wenn sie auf dem Weg zum Nachbarbiotop auf der Straße unter die Räder kommt. Auch hier werde mit den Landwirten eng zusammengearbeitet, so Schwarz, es gibt Feldbegehungen, Infoveranstaltungen sowie Gruppen- und Einzelberatungen. Der Biotopverbund soll so weit wie möglich auf kommunalen Flächen entstehen.
Dann ist Kreativität gefragt – bei der Entwicklung von „Biodiversitätsprodukten“. Ob das der Streuobstwiesenschnaps ist, die Simsseeseife, die Baierbacher Bratwurst oder der Stephanskirchener Schafwolleschal, da sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Und dann kann es an die Vermarktung gehen – im Idealfall tun sich da die Produzenten zusammen, ob mit Ständen an den Bauernmärkten, einem eigenen Laden oder auf einem anderen Weg. Inklusive Aktionen zum Naturerleben geht Schwarz von rund 110000 Euro Kosten aus. Über den Bayerischen Naturschutzfond sind 75 Prozent Förderung möglich.
Meilenstein für
mehr Lebensqualität
Der Gemeinderat beschloss einstimmig, die Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die Förderungen zu beantragen und die darüber hinaus gehenden Summen in den Gemeindehaushalten bis 2025 bereit zu stellen.
„Das ist ein Meilenstein für mehr Lebensqualität in der Gemeinde“, so Bürgermeister Karl Mair (Parteifreie). „Es gibt wohl wenige Dinge, für die wir unser Geld so sinnvoll anlegen können.“