Eine Welle der Hilfsbereitschaft

von Redaktion

Neubeurer Aktion für ukrainische Kriegsflüchtlinge findet großen Anklang

Neubeuern/Nußdorf – Nichts ging mehr – bereits vor dem eigentlichen Start musste Christoph Schneider, Bürgermeister von Neubeuern, die Sammelaktion von Hilfsgütern für die Menschen in der Ukraine mehr oder weniger abbrechen. Allerdings nicht etwa, weil zu wenige Menschen kamen, sondern vielmehr, weil innerhalb kürzester Zeit eine Welle von hilfsbereiten Bürgern aus dem gesamten Landkreis die Gemeinde überschwemmt hatte.

Blockierte
Zufahrtsstraßen

Seit dem 24. Februar gehen die schrecklichen Bilder der Kriegshandlungen in der Ukraine um die Welt. Ab diesem Zeitpunkt standen bei Christoph Schneider und im Rathaus die Telefone auch nicht mehr still. Innerhalb weniger Tage meldeten sich unzählige Bürger, um ihre Hilfsbereitschaft zu signalisieren. Da wurde den Verantwortlichen im Rathaus schnell klar, dass man zusammen etwas auf die Beine stellen will.

So wurde binnen weniger Stunden für den vergangenen Mittwoch eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Zwischen 17 und 20 Uhr sollten alle interessierten Bürger Hilfsgüter wie Hygieneartikel, Lebensmittel und allen voran Medikamente zur Feuerwehr bringen können. Was dann geschah, damit haben selbst die Verantwortlichen nicht gerechnet: Bereits ab 13 Uhr lieferten die ersten Spender Sachen zum Feuerwehrhaus an. „Ab 17 Uhr sind wir komplett aus der Bahn geworfen worden“, sagt Schneider. Sämtliche Zufahrtsstraßen rund um das Feuerwehrhaus waren blockiert.

Die Menschen seien von allen Seiten gekommen, sodass man zwischenzeitlich den Überblick verloren habe. „Die Beteiligung war so fulminant, dass ich kurz nach 17 Uhr die Leute übers Radio bitten musste, nicht mehr hierherzukommen“, sagt der Bürgermeister, der selbst tatkräftig beim Verladen mitgeholfen hat. Um der Menge an Waren Herr zu werden, halfen fast 70 Freiwillige aller örtlichen Vereine mit, die Spenden zu verstauen. Erst gegen 23 Uhr waren schließlich alle Güter sortiert. Die gesammelten Hilfsmittel werden nun in Lastwagen in Zusammenarbeit mit der Firma Transportex aus Niederndorf/Tirol an die polnisch/ ukrainische Grenze gebracht und von dort aus an Bedürftige in den Krisengebieten verteilt. Aufgrund der hohen Zahl an Spenden wurde zusätzlich ein Hilfsdepot in der Beurer Halle eingerichtet. Alle Güter, die in den Lkw keinen Platz mehr gefunden haben, werden erst mal aufbewahrt, falls es erneute Fahrten ins Kriegsgebiet gibt.

In der Halle könnte laut Schneider zudem kurzerhand eine Notunterkunft für Menschen aus der Ukraine entstehen. Die Feldbetten hierfür stünden bei der Feuerwehr schon bereit. Darüber hinaus hatten auch mehrere Bürger ihre Bereitschaft bei Bürgermeister Schneider signalisiert, dass sie flüchtenden Ukrainern gerne eine Bleibe in der Region anbieten würden.

Auf diesen Gedanken ist auch Doris Lemberger aus Nußdorf gekommen. Die 53-Jährige lebt in einem großzügigen Einfamilienhaus in der Gemeinde am Inn. Fast ein ganzes Stockwerk mit Schlafzimmer und eigenem Bad könnte sie für eine ukrainische Familie zur Verfügung stellen. Ganz zu schweigen vom Garten, in dem sich die Neuankömmlinge von den Strapazen der Flucht erholen könnten.

Zunächst sah es auch kurz danach aus, dass Doris Lemberger schneller als gedacht jemanden aufnehmen kann. Der Kontakt zu einer ukrainischen Mutter mit ihren beiden Kindern ist über das ukrainische Konsulat in München entstanden. „Nach der Info bin ich erst mal zum Einkaufen und hab Hals über Kopf alles eingekauft, was Kinder gerne so essen“, erzählt die Frau, selbst Mutter einer Tochter.

Als sich die Neuigkeiten in der Gemeinde herumgesprochen hatten, rollte auch hier eine Welle der Hilfsbereitschaft los. Sämtliche Bekannten boten ihr Hilfe bei der Beschaffung von Kindersachen an. „Teilweise wären da einige durch den halben Landkreis gefahren, nur um einen Hochstuhl zu besorgen“, sagt Lemberger, die von diesem Zuspruch überwältigt ist.

Bürger bieten
Wohnraum an

Allerdings hat sich die Aufnahme dann doch nach kurzer Zeit zerschlagen, da die Familie bei einer Tante in Berlin unterkommen konnte. Jetzt wartet Lemberger darauf, dass ihr vom Landratsamt Rosenheim eine ukrainische Familie zugeteilt wird.

Auch in Neubeuern hofft man, dass in absehbarer Zeit weitere Lastwagen in Richtung Ukraine aufbrechen können. Denn sowohl die Aktionen im Kleinen wie bei Doris Lemberger, als auch im Großen wie in Neubeuern, zeigen, dass die Hilfsbereitschaft für die vom Krieg gebeutelte Ukraine in der Region keine Grenzen kennt.

Schneider sieht in der Hilfe trotz aller Freude und Bewunderung über die enorme Hilfsbereitschaft auch eine Art der Verpflichtung: „Wenn man ein solches Privileg hat, hier zu leben, kann man auch mal helfen.“

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