Hilfe kommt erst wieder im nächsten Jahr

von Redaktion

Faik Afifi und Christian Andraschko von der Schön Klinik in Tansania im Einsatz

Vogtareuth – Mit dem lebenden Huhn im Beutel war Faik Afifi leicht überfordert. Die Tasche hatte die Mutter eines kleinen Patienten dem Kinderorthopäden und Unfallchirurgen in die Hand gedrückt. Weil der sich um die Gesundheit ihres Kindes gekümmert hat. „Dann stehst Du da, weißt genau, dass das Huhn die Familie tagelang ernährt hätte und kannst doch nicht ablehnen.“ Faik Afifi wühlt in seinem dichten Schopf. Ihm gegenüber schmunzelt Christian Andraschko.

Der OP-Pfleger und der Arzt sind seit Kurzem von einem knapp dreiwöchigen Einsatz in Tansania zurück. „Man denkt ja, man sei vorbereitet, aber nein…“ Sie waren, trotz aller Erzählungen von Dr. Johannes Correll, der in Ifunda, mitten in Tansania, zum letzten Mal im Hilfseinsatz war, dann doch überrascht.

Mit Stirnlampe gegen
den Stromausfall

Die Fliegen im OP nahmen Afifi und Andraschko sportlich. Dass man bei der Operation eine Stirnlampe trägt, weil niemand weiß, ob der Stromausfall nun zehn Minuten oder den ganzen Tag dauert, leuchtete ein. Der Blasebalg, der gedrückt werden muss, damit das Kind auf dem OP-Tisch beatmet wird, den drückte jeder, der gerade kein Skalpell oder keine Klemme in der Hand hatte, um den Anästhesisten eine Pause zu verschaffen.

Aber dass sie von einer riesigen Traube Menschen erwartet wurden, sich nur 200 Kinder anschauen und nur 70 in 14 Tagen operieren konnten, das schaffte die Männer. „Es ist nicht einfach, Kinder abzuweisen. Denn bis nächstes Jahr hilft ihnen keiner.“ Die eigentlich nicht vorhandene medizinische Versorgung, die ging den beiden Männern an die Nieren.

„Hier kommt ein Kind auf die Welt und wird, wenn es Anzeichen für einen Klumpfuß gibt, sofort gegipst“, sagt Andraschko. Dort laufen die Kinder mit nach hinten zeigenden Füßen umher. Behandlung nahezu unmöglich, „es geht ja schon damit los, dass keiner eine Narkose machen kann, um die Kleinen schmerzfrei zu behandeln.“ Und die einheimischen Ärzte, die gehen in die großen Städte oder gleich ins Ausland, weil sie vom Gehalt eines Dorfarztes nicht leben können. Also standen Afifi, Andraschko, Correll und die anderen Mediziner und Pfleger aus Deutschland von morgens um 8 Uhr bis 20 oder 21 Uhr im OP oder im Health Center, aßen eine Kleinigkeit und fielen hundemüde um. Und am nächsten Morgen ging es weiter. Nach zwei Wochen waren sie so kaputt, dass sie auf dem Rückflug kaum saßen und schon schliefen.

Profitiert haben die beiden von dem Einsatz auf alle Fälle. Auch medizinisch. Wenn die aus Deutschland mitgebrachte Platte schlicht zu groß ist, für ein zierliches tansanisches Kinderbein, „dann liefert man die eben beim Handwerker ab und sagt ihm, wie groß man sie braucht“, erzählt Christian Andraschko. Und die Operationen werden so angesetzt, dass zwischendurch gerade noch Zeit ist, den Bohrer wieder steril zu bekommen. „Und das Verfallsdatum vom Faden spielt sowieso keine Rolle“, sagt Afifi grinsend. Improvisieren sollte man können oder bereit sein, es zu lernen. Dass sie von der Hochleistungsmedizin in Vogtareuth zurück mussten zum reinen Handwerk, das fanden beide eher positiv. „Das erdet unheimlich“, sagt Andraschko.

Strahlendes Lachen
entschädigt für vieles

Die Geduld, die Freude und Dankbarkeit der kleinen Patienten und ihrer Eltern, ihr strahlendes Lachen, das entschädigte für vieles, „das kann man nicht beschreiben“, sagt Faik Afifi mit plötzlich leicht belegter Stimme, „das wird mich begleiten bis zum nächsten Jahr“. Andraschko nickt.

Bis zum nächsten Jahr? Ein dunkelbraunes und ein blaues Paar Augen schauen sich über den Tisch an, um beide bilden sich kleine Fältchen, zwei Köpfe nicken – ja, Faik Afifi und Christian Andraschko wollen nächstes Jahr wieder nach Afrika. Nach Ifunda in Tansania. Dort warten kleine Patienten auf sie.

Übrigens: Das Huhn im Beutel endete im Kochtopf. Abendessen für die ganze Helfergruppe.

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