„Zeitenwende“ für die Region

von Redaktion

Brenner-Nordzulauf Bürgerinitiativen fordern mit Blick auf Ukraine-Krieg Neubewertung

Tuntenhausen/Großkarolinenfeld/Schechen – Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat alles verändert. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz proklamierte „Zeitenwende“ müsse nun auch in der Region ankommen, fordern die Bürgerinitiativen (BI) gegen den Brenner-Nordzulauf von Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen.

Sie haben sich in der BI Nord vereint, um die Auswirkungen der Trasse vor allem im Bereich von Langenpfunzen am Inn bis nach Ostermünchen deutlich zu machen – auf Klima, Ernährung und Energieverbrauch. Sie sind der Meinung: „Diese Zeitenwende kann nur eines bedeuten: das Aus für den Brenner-Nordzulauf.“

Verzicht auf Trasse
hilft Energie sparen

Die 54 Kilometer lange violette Trassenvariante ist zu 60 Prozent unterirdisch. Ihre komplette Führung im Tunnel bis zu den Innhängen hinter Schechen ist eine wesentliche Forderung der betroffenen Gemeinden. Für den Begegnungsverkehr bräuchte man dann auf der gesamten Trassenlänge von 54 Kilometern zwei Tunnel, also insgesamt 108 Kilometer Röhren.

Abgesehen von den Materialpreisen für Beton, Baustahl, Kunststoffe und Holz, die sich schon während der Corona-Pandemie deutlich verteuert haben und durch den Ukraine-Krieg weiter in die Höhe schnellen, ist die Bauwirtschaft von gasintensiven Industrien wie der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie abhängig.

Ein Blick auf die Treibhausgasemissionen wirft zudem die Frage auf, ob das Milliarden-Projekt mit den Klimazielen der Bundesregierung vereinbar ist. „Bei der Betonherstellung für einen Kilometer Tunnel werden 30000 Tonnen CO2 ausgestoßen“, rechnet Margit Kraus von der BI Tuntenhausen vor.

Die Umweltbelastung läge also bei zwei Tunneln auf der gesamten Strecke bei 3,24 Millionen Tonnen CO2. Nach einer forstwirtschaftlichen Faustformel muss eine Buche etwa 80 Jahre wachsen, um eine Tonne CO2 aufnehmen zu können. „Von Schaftenau bis Ostermünchen müssten wir also jetzt 3,24 Millionen Buchen pflanzen, damit diese in den nächsten 80 Jahren die Treibhausgase der Brennertrasse ausgleichen“, sagt Werner Zwingmann aus Langenpfunzen und fügt hinzu: „Dazu bräuchte man aber Flächen, die durch die Trasse der Natur entrissen und versiegelt werden.“

„Zudem geht die Trasse zulasten der jetzt als Freiheitsenergien bezeichneten erneuerbaren Energien“, betont Landwirt Jakob Wallner von der BI Großkarolinenfeld. „Die erneuerbaren Energien sollen schneller denn je ausgebaut werden. Doch mit der Trasse gehen uns 104 Hektar land- und forstwirtschaftlicher Nutzfläche für immer verloren.“ Umgerechnet auf Energie bedeutet das: „Mit 100 Hektar Land könnten Biogasanlagen 1,752 Millionen Kilowattstunden klimaneutralen Stroms erzeugen und 390 Vier-Personen-Haushalte pro Jahr versorgen.“

Die dabei entstehende Wärme für eventuelle Nahwärmenetze ist in diese Rechnung noch nicht einmal einbezogen.

Allein zwischen Langenpfunzen und Tuntenhausen sind derzeit sechs Biogasanlagen am Netz. Mit der Brenner-Trasse müssten mindestens drei ihre Produktion einstellen.

Eine Antwort muss die Region auch auf den Ausfall der Ukraine als Lieferant für Weizen, Gerste, Raps, Mais und Sonnenblumen finden. „Würde auf den 100 Hektar, die für die Brenner-Trasse verloren gehen, Getreide angebaut, könnte man beispielsweise 728 Tonnen Weizen pro Jahr ernten und damit 10400 Menschen ernähren oder 856470 Brote backen“, so Stefan Hofbauer von der Bürgerinitiative Tuntenhausen.

Als Futter- und Weideflächen ernähren 100 Hektar Grünland etwa 220 Kühe. „Von ihnen bekämen wir 1,76 Millionen Liter Milch, was dem Jahresbedarf von 35000 Menschen entspricht“, verdeutlicht Landwirt Wallner den Wert der Fläche für die Ernährung.

Die BIs Nord gegen den BNZ hoffen, dass die Zeitenwende auch in der Region ankommt.

„Das heißt nicht, dass wir gegen eine Verlagerung der Transporte von der Straße auf die Schiene sind“, betont Zwingmann. „Doch dafür reicht die Modernisierung der Bestandsstrecke aus.

Zudem müssen Bahnanschlüsse geschaffen werden, damit die Kunden ihre Güter mit Lkw nicht mehr zu weit entfernten Verladebahnhöfen transportieren müssen.“ Die BIs Nord fordern ein Umdenken. „Dazu gehört eine aktuelle Bedarfsanalyse, die sowohl die Deglobalisierung betrachtet als auch die Entwicklung der Fahrzeugtechnik hin zu E-Motoren oder Wasserstoffantrieben“, so Stephan Dialler aus Schechen.

Studie wird in
Auftrag gegeben

Die drei Bürgerinitiativen wollen jetzt eine Studie für den Bedarf im nördlichen Abschnitt der Brenner-Trasse bis Ostermünchen in Auftrag geben. Dazu brauchen sie die finanzielle Unterstützung der Gemeinden Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen.

„Wir wollen viele Akteure integrieren, um dafür zu sensibilisieren, dass der Brenner-Nordzulauf weder nachhaltig ist, noch gebraucht wird“, kündigt Lothar Thaler aus Pfaffenhofen, Gemeinde Schechen, an.

Geopolitische Aspekte

Bundeswirtschaftsminister Dr.Robert Habeck appellierte jetzt an die Deutschen, mit Energie zu haushalten. Jede eingesparte Kilowattstunde helfe, die Versorgungslage zu entspannen. „Kann man unter diesen Umständen noch am Brenner-Nordzulauf (BNZ) festhalten?“, fragen die nördlichen Bürgerinitiativen. Ihre Antwort: „Nein.“

Sie haben die geplante Trasse vom österreichischen Schaftenau durchs Inntal bis Stephanskirchen und weiter über Schechen und Großkarolinenfeld bis nach Ostermünchen in der Gemeinde Tuntenhausen unter den neuen geopolitischen Aspekten betrachtet.

Artikel 1 von 11