Stephanskirchen – Die Fingerknöchel waren weiß, die Haltung am Flügel etwas steif – Alisa Szuper war so gar nicht entspannt, als sie die Bühne betrat. „Mir hat es das Herz ein bisschen zerrissen, weil ich für die Ukraine, aber nicht in der Ukraine gespielt habe“, gibt die junge Pianistin, Komponistin und Dirigentin nach dem Benefizkonzert für die Ukraine im Antrettersaal zu.
Alisa Szuper spielt Klavier seit sie fünf Jahre alt ist. Die Mutter, Tänzerin und Choreografin, sorgte dafür, dass alle drei Töchter Musikunterricht bekamen. Bei der Ältesten wurde die Musik zum Lebensinhalt.
Bomben unterbrachen die Ausbildung
Das Studium als Pianistin und Komponistin an der Musikhochschule in Lviv hat Alisa Szuper abgeschlossen, den Abschluss als Dirigentin wollte die 32-Jährige im September in Angriff nehmen. Es kam anders.
Am zweiten Kriegstag machte sich Alisa Szuper mit Ehemann Simon, Mutter und Schwestern auf den Weg nach Westen. Ihr Bruder blieb, wie alle Männer unter 60 Jahren, in der Ukraine. Aber wieso durfte dann Simon Szuper raus? „Lange und verzweigte Familiengeschichte“, lacht er. Kurzfassung: Simon Szuper ist als Sohn zweier Ukrainer in München geboren und aufgewachsen, 2015 beruflich nach Lviv gegangen, aber bei seinen Eltern noch gemeldet. Er hat einen polnischen und einen britischen Pass. „Das hat, als wir uns bei der Ausländerbehörde meldeten, erst einmal für bürokratisches Chaos gesorgt“, erzählt er grinsend.
Aus Schulzeiten hatte Simon Szuper noch Freunde in Stephanskirchen, die wurden nun zur Anlaufstation. Und vermittelten der fünfköpfigen Familie eine Unterkunft. Natürlich mit Klavier.
Bis Alisa Szuper dort Platz nehmen konnte, hatte sie zwei Wochen auf der Flucht hinter sich. Über Polen und die Tschechische Republik ging es nach Oberbayern. Es war der gleiche Weg, den Simon Szupers Großeltern kurz nach dem Zweiten Weltkrieg genommen hatten. „Ein seltsames Gefühl, ich habe gedacht, ich bin im falschen Film“, sagt Szuper.
Keine vier Wochen nach der Ankunft in Stephanskirchen stand Alisa Szuper auf der Bühne. Vor 150 bis 200 Menschen. „Ein so großes Publikum hatte ich seit dem Studium nicht mehr“, sagt sie. Beim großen Jazz-Festival in Lviv trat sie mehrfach auf, „aber in Clubs und Bars.“ Und jetzt in einem fremden Land mit einem selbstkomponierten Stück – da war das Lampenfieber groß. Trotzdem sagte sie sofort zu, als Steffi Panhans, Dritte Bürgermeisterin und Gründungsmitglied des Kulturclubs sowie im Unterstützerkreis Ukraine aktiv, anfragte. „Wie kann ich zögern, die Ukraine zu unterstützen?“
Abgesehen davon ist der 32-Jährigen aber noch etwas anderes wichtig: Die ukrainische Musik aufrecht zu erhalten und vorzustellen. „Seit dem Zarenreich sind die ukrainische Kultur und Musik von den Russen unterdrückt worden. Wer, außerhalb der Ukraine, kennt einen unserer Komponisten? Wer, außerhalb der Ukraine, weiß, dass Mozart einen großen – und zeitweise erfolgreicheren – Rivalen aus der Ukraine hatte?“
Eine Grundvoraussetzung dafür erfüllt Alisa Szuper derzeit noch nicht. Die Sprache. Sie versteht Deutsch sehr gut, antwortet oft schon, bevor ihr Mann übersetzen kann. Aber sprechen? Da hakt es noch. „Immer, wenn ich sage ‚Ich spreche nur ein bisschen Deutsch‘, dann kommt gleich ein Schwall Bayrisch und ich bin überfordert“, lacht sie. Das bisschen Deutsch allerdings, das ist nahezu akzentfrei. Und soll ganz schnell ganz viel Deutsch werden, denn Alisa Szuper möchte ihre Ausbildung zur Dirigentin in München oder Salzburg beenden.
Anschluss an die klassische Musikszene in der Region hat Alisa Szuper bereits gefunden: Sie singt beim Festival auf Gut Immling ab Ende Juni im Chor, hat auch schon die dortige musikalische Leiterin und Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock kennengelernt. Der Kontakt mit den Chor- und Ensemblemitgliedern dürfte ihre Deutsch- und Bayrischkenntnisse fördern.
Außerdem ist Alisa Szuper ehrgeizig und selbstbewusst. Ihren Simon immer als Übersetzer zu brauchen, das ist kein Dauerzustand. Zumal der seinen Arbeitsplatz beim Schweizer Unternehmen aus Lviv mitnehmen konnte. Einkaufen gehen wird Alisa wohl bald alleine. In Rosenheim, wohin die beiden dieser Tage zogen. In eine eigene Wohnung. Die suchen Alisas Mutter und ihre Schwestern – Malerin die eine, Musikerin die andere – noch. Denn bei den jetzigen Gastgebern können sie nur bis Juni bleiben. Die Suche ist ohnehin alles andere als leicht. Und wird noch erschwert.
Kriminelle „helfen“ Geflüchteten
„Es gibt tatsächlich Kriminelle aus Russland und der Ukraine, die über verschiedene Kanäle Kontakt zu Geflüchteten aufnehmen und denen anbieten, sich zu ‚kümmern‘. Natürlich für spezielle Gegenleistungen. Ist das nicht das Letzte?“