Samerberg – Die Samerberger Gemeinderäte nehmen das Thema „Baukultur“ ernst. Leitsätze wie „Baukultur ist ein wesentlicher Pfeiler der Entwicklung unserer Gemeinde“ und „Unser Handeln wertschätzt das baukulturelle Erbe unseres Ortes, führt dieses mit nachhaltiger Qualität fort und lässt Neues zu“, an denen sich die bauliche Entwicklung der Gemeinde in den kommenden Jahren orientieren soll, wurden in einer „Charta der Baukultur“ in der vergangenen Gemeinderatssitzung einstimmig beschlossen. Ebenso einstimmig wurde Gemeinderat Andreas Köppl (CSU) zum Baukulturbeauftragten der Gemeinde gewählt.
Möglichst frühe
Beratung vornehmen
Auch wenn die Charta mit ihren acht Grundsätzen keine rechtlich bindende Handhabe bietet, sehen die Gemeinderäte darin eine Leitlinie für zukünftige Bauvorhaben in der Gemeinde. „Jedes Projekt muss sich in Zukunft daran messen lassen“, so Irene Schulze-Strein (Zukunft-Samerberg). Deshalb sei eine Beratung der Bauherren möglichst früh im Planungsprozess wichtig. Diese Meinung teilten auch Christoph Heibler (CSU) und Thomas Hörl (ZS). Thomas Schmid (ZS) ergänzte, dass die Gemeinde bei öffentlichen Bauten mit gutem Beispiel vorangehen und die Grundsätze der Charta auch bei der Aufstellung von Bebauungsplänen mit einfließen lassen müsse. Christine Eckert (Überparteiliche Wählergruppe) begrüßte es als „gutes Zeichen, wenn sich die Gemeinde zu diesen Grundsätzen bekennt“, zeigte allerdings eine gewisse Skepsis bezüglich der Umsetzbarkeit, da viele Bauvorhaben rein „bedarfs- und finanzorientiert“ geplant würden. Bürgermeister Georg Huber (ÜPW) betonte, dass die Akzeptanz in der Bürgerschaft wichtig sei und das Thema nach und nach wachsen müsse. Die vollständige Charta der Baukultur kann auf der Homepage der Gemeinde Samerberg nachgelesen werden.
Dem Beschluss vorangegangen war eine Präsentation von Tobias Hanig, Betreuer der Gemeinde Samerberg im Rahmen des Leader-Projektes „Baukulturregion Alpenvorland“ (ARGE). Acht Pilotgemeinden aus den Landkreisen Rosenheim, Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen setzen sich mit unterschiedlichen Herausforderungen und Zugängen zu Baukultur auseinander. Die „Arbeitsgemeinschaft Baukultur“, ein Expertenteam aus unterschiedlichen Fachgebieten rund um Architektur, Stadt- und Regionalplanung und Kommunalpolitik, begleitet die acht Kommunen auf diesem Weg.
Hanig gab einen Überblick über Aktivitäten und Exkursionen der ARGE Baukultur, die seit der Gemeinderatsklausur im Oktober 2020 wegen der Corona-Pandemie größtenteils online stattfinden mussten. So zum Beispiel die erste Baukulturwerkstatt, als Projekt Kick-off oder Vorträge zu den Themen „Baulücken, Leerstände und unterforderte Häuser“.
Unter dem Titel „Ene mene muh und rein kommst du“ verbarg sich eine Präsentation zur Suche nach Wohnraum im landwirtschaftlich geprägten Umfeld einer Großstadt. Im Weiteren beschäftigte sich die ARGE Baukultur mit neuen Wohnformen im ländlichen Raum, „Ungewohnt bewohnt!“ und mit Qualität im Wohnungsbau, unter sinnvollem Einsatz von Ressourcen. „Schön privilegiert“ stellte neues Bauen für die Landwirtschaft vor.
Ab Jahresmitte 2021 konnten wieder Präsenz-Veranstaltungen stattfinden. So der Besuch von Kreisbaumeister Rupert Seeholzer, der in einem bilderreichen Vortrag die „Do’s und Don’ts“ der Samerberger Bebauung analysierte (wir berichteten).
Highlights waren auch der Ausflug der Samerberger Jugend mit Gemeinderat und Jugendbeauftragtem Christian Bauer in die „Werkstod“ nach Viechtach und die Exkursion der Samerberger und Bad Feilnbacher Gemeinderatsmitglieder in den Bregenzer Wald, wo bei Besichtigung verschiedener Unternehmen und regionaler Architektur Anregungen für die bayerischen Gemeinden gesammelt wurden.
TH-Studenten
bringen sich ein
Tobias Hanig informierte die Gemeinderäte auch über den Stand des Projektes „Friluftsliv“. Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen prägte diesen Begriff, um die Bedeutung des Aufenthalts in der freien Natur für das geistige und körperliche Wohlbefinden zu beschreiben. Die Landschaft am Samerberg ist ein Touristenmagnet und bedingt eine gewisse Infrastruktur in Form von Rastplätzen und Toiletten. Dass solche Zweckbauten durch kluge Entwürfe selbst zur Attraktion werden können, zeigen im Rahmen von „Friluftsliv“ 70 Studierende der TH Rosenheim, Fakultät Innenarchitektur, unter der Leitung von Frau Prof. Denise Dih.
Das Projekt startete im Sommersemester 2021. Die Arbeitsergebnisse können ab Anfang Juli 2022 besichtigt werden. Als Ausstellungsfläche dient die Landschaft am Samerberg. Präsentiert werden die Entwürfe entlang einer „Wonderroute“ an den Orten, für die sie geplant wurden. „Für uns sind diese Arbeiten Denkanstöße, die uns ermutigen, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen“, sagt Bürgermeister Huber und ist bereits selber gespannt auf die Entwürfe der Studierenden.