Ein Davidstern als Dornenkrone

von Redaktion

Interview Josef Pirchmoser aus Kiefersfelden komponiert die Passionsmusik in Thiersee

Kiefersfelden/Thiersee – Die Passion Christi wird heuer wieder in Thiersee in Tirol aufgeführt. Am 12. Juni wird die Premiere in Vorderthiersee aufgeführt. Im Interview haben der Kiefersfeldener Komponist Josef Pirchmoser und Regisseur Norbert Mladek verraten, warum man für den See Genezareth ein Hackbrett und auch sonst satanische Musik braucht, welche Rolle der Davidstern spielt und warum es drei Christus braucht.

Wie sind Sie beide zu Ihrem Auftrag gekommen?

Norbert Mladek: Über Empfehlung des Regisseurs von 2016, Diethmar Straßer, mit dem ich schon vor 30 Jahren beim Landestheater Tirol zusammengearbeitet habe. Darauf ist eine Abordnung aus Thiersee nach Virgen in Osttirol gekommen, wo ich die „Piefke-Saga“ inszeniert habe – ein Stück, das nicht unbedingt in Verbindung mit einer Passion zu nennen ist (lacht). Danach hat man mich gefragt, ob ich die Passion in Thiersee übernehmen möchte.

Josef Pirchmoser: Ich bin bereits seit acht Jahren Kapellmeister in Hinterthiersee, meine Eltern sind beide aus Thiersee. Ich bin hier also kein Fremder. Ich wurde schon 2016 gefragt, ob ich die musikalische Leitung der Passionsspiele übernehme, was ich sehr gern gemacht habe. Nachdem in diesem Jahr ein neuer Text gefragt war, war auch eine neue Musik vonnöten. Ich empfinde das als eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Es ist was anderes, als wenn man Marsch schreibt. Da muss man in die Materie abtauchen und sich ganz tief reindenken.

Woher nehmen Sie Ihre Inspirationen?

Pirchmoser: Mir hat sehr geholfen, dass ich 1988 eine Reise nach Be’er Sheva in Israel hab machen dürfen, damals war ich Dirigent vom Rosenheimer Landkreisjugendorchester. Und da hatte ich das Glück, alle Originalschauplätze der Passion zu besichtigen: Golgotha, den See Genezareth, den Jordan.

Wie wird sich Ihre Musik anhören?

Pirchmoser: Je nachdem, was sich auf der Bühne abspielt: Es sind Szenen mit Satan, dabei, da wird man kein Liebeslied hören (schmunzelt), Szenen am See Genezareth, die sind – erstmals! – verbunden mit einem Hackbrett. Wir haben Holz- und Blechblasinstrumente und Schlagzeug. Streicher gibt’s keine. Es gibt auch dramatische Szenen, so die Verhaftung und die Verhandlung vor dem Hohepriester, da besteht die Musik natürlich nicht mehr aus Wohlklängen, sondern sie unterstützt die Dramatik der Szenen.

Beim Höllenfeuer kann man sich kompositorisch austoben. Es gibt immer wiederkehrende Motive, das Genezareth-Motiv kommt wieder, wenn Jesus übers Wasser geht.

Sind das Zwischenakt- oder Begleitmusiken?

Pirchmoser: Es ist keine Pausenmusik, es ist auch ein großer Chor dabei, es ist mehr wie eine Oper. Die Chorsänger sind miteingebunden als Schauspieler. Während der Musik wird auf der Bühne weitergespielt und weitergeführt in die nächste Szene.

Was sind die Hauptideen der Inszenierung?

Mladek: Neue Ideen in einer Passion sind natürlich schwierig (lächelt). Der Grundgedanke ist: Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, was sich auch im Bühnenbild widerspiegelt. Der Davidsstern wird als eine Art Steinbruch verwendet. Er ist zerlegbar und aufklappbar, daraus wird die Dornenkrone werden. Nachdem der Davidstern ja aus Dreiecken besteht, werden Kinder diese Dreiecke für den Boden unter den christlichen kathedralähnlichen Strebebögen nehmen: Das Judentum ist die Basis des Christentums.

Sie setzen also auf starke Bilder.

Mladek: Auf jeden Fall, das ist das, wobei man noch Spielraum hat für das Verständnis bzw. zur Anregung des Nachdenkens.

Wird Christus leiden, zornig oder menschlich sein?

Mladek: Christus wird als Mensch dargestellt. Auch seine Entwicklung wird dargestellt, wie er zu seiner Berufung, seiner Vision kommt. Das ist ja schließlich gar nicht so einfach: Deshalb fügen wir aus den apokryphen Evangelien eine Kindheitsszene von Christus ein, wo gezeigt wird, wie Jesus draufkommt, dass er besondere Kräfte, Möglichkeiten und Talente hat und wie er sich erst aufraffen muss, das auch anzunehmen. Diesen menschlichen Kampf wollen wir darstellen.

Haben Sie diese Hauptideen schon gekannt, bevor Sie zu komponieren begonnen haben?

Pirchmoser: Ich war mit dem Autor ab den ersten Zeilen verbunden, wir haben uns in Telefonaten und Videokonferenzen ausgetauscht, auch mit Norbert Mladek. Es war von Anfang an dieses Dreierteam da.

Ist dies Ihre erste Passion?

Mladek: Ja. Seit einigen Jahren gestalte ich aber das Tiroler Adventssingen in Innsbruck mit, in dem wir zeitgenössische Autoren beauftragen, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben aus heutiger Sicht, die in Volksmusik eingebettet ist. Damit war ich schon ein bisschen in die christliche Sphäre eingebunden.

Wie viele Christus wird es geben?

Mladek: Wir haben Jesus, das Kind, dann Jesus als Mann und Jesus als Auferstandenen. Beide Jesus-Darsteller können beide Rollen. Der Autor wollte damit darstellen, dass Jesus als Auferstandener ja zuerst nicht als Jesus erkannt wird.

Das heißt: Die Passion erstreckt sich bis zur Auferstehung?

Mladek: Bei uns ist die Kreuzigung vor der Pause, im dritten Teil geht es von der Auferstehung über das Reich der Toten bis zu Christi Himmelfahrt.

Sind Sie christlich erzogen, beziehungsweise erfahren oder mussten Sie vieles nachschlagen?

Mladek: Ich gestehe: Ich musste mich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die ich bisher so nicht kannte. Ich bin christlich erzogen, aber das, was ich mir hier aneignen durfte, lässt mich nach mehr suchen.

Was waren die größten kompositorischen Herausforderungen?

Pirchmoser: Die Kreuzigungsszene. Da fange ich mit einem lateinischen Text an: „In honorem crucis“, der von einem dreistimmigen Männerchor gesungen wird. Erst wenn Jesus am Kreuz ist, wechselt der Text auf Deutsch, sodass alle verstehen, was da passiert ist, und dass alles, was den christlichen Glauben ausmacht, da ja erst losgeht: die Auferstehung. Die Kreuzigung ist ja vor der Pause, dann fragt man sich: Was soll da noch kommen? Da kommt aber das Wichtigste, die Auferstehung, sonst hätte der christliche Glaube ja gar keinen Sinn.

Interview: Rainer W. Janka

Warum dieses Stück aufgeführt wird

Im Jahre 1799 gelobten die Einwohner von Thiersee in Tirol, die Passion Christi aufzuführen, wenn sie von den Napoleonischen Kriegen verschont blieben. Seitdem wurde die Passion immer wieder aufgeführt, zum letzten Mal 2016. Heuer gibt es wieder eine Passion. Die rund 250 Mitwirkenden proben schon eifrig, die Premiere ist am 12. Juni. Das heutige Passionsspielhaus am See, das knapp 1000 Besuchern Platz bietet, wurde 1926 errichtet. Den neuen Text hat der Südtiroler Toni Bernhart geschrieben, Regie führt der Tiroler Norbert Mladek (58), die Musik hat Josef Pirchmoser (58) aus Kiefersfelden komponiert. Pirchmoser hat die Musikkapelle Söllhuben sowie die Musikkapelle von Kiefersfelden geleitet, war Dirigent des Landkreisjugendorchesters Rosenheim, leitet den Männerchor von Kiefersfelden und komponiert auch seit vielen Jahren die Bühnenmusik für die Ritterspiele Kiefersfelden.rj

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