Grenzgänger mit Kamera

von Redaktion

International ausgezeichneter Doku-Filmer Tobias Corts aus Brannenburg im Porträt

Brannenburg – Er filmt Kamele bei 40 Grad in der Gobi-Wüste, friert am Baikalsee und klettert trotz Höhenangst auf den Großglockner. Tobias Corts (48) dreht Dokumentationen – für Netflix, Sky, BBC, National Geographic, ZDF, ARD und BR. Ein Besuch bei dem Kameramann in Brannenburg.

Tobias Corts lädt seinen VW-Bus aus. Er ist barfuß, trägt Jeans und T-Shirt. In den großen schwarzen Taschen ist seine Ausrüstung: Objektive, Batterien, Kameras. In der Nacht ist er von einer Reise zurückgekommen, einer von vielen. Die Hälfte des Jahres ist er unterwegs – in der Mongolei, Südafrika, Australien, Israel oder Kanada. In wie vielen Ländern er schon war, kann er nicht genau sagen. Doch eines ist klar: Tobias Corts überschreitet seine Grenzen für seine Arbeit.

Bergsteigen
mit Extremsportlern

An welche Grenzen Corts für seine Filme geht, sehen die Zuschauer oft nicht. Für die Red-Bull-Serie „Ultimate Rush“ hat er den Großglockner mit Extremsportlern bestiegen. Er sei zwischen dem kleinen und dem großen Glockner gestanden, auf der Pallavicini-Rinne. Rechts 1000 Meter runter, links 500 Meter. „Wenn man da ausrutscht, ist es vorbei“, sagt Corts. „Das war ganz weit aus der Komfortzone raus.“ Denn er hat Höhenangst. Deshalb habe er sich nur auf seine Kamera konzentriert, auf den Blick durch die Linse.

Drei Leute
in einer Jurte

Auch auf menschlicher Ebene seien die Dreharbeiten eine Herausforderung – wie in der Mongolei: drei Leute, vier Wochen, eine Jurte. Der eine schnarche, der andere sei in der Früh „muffelig“. Sie hätten wochenlang nicht geduscht, „komische Dinge“ gegessen, gemeinsam gefroren und geschwitzt. Nachts habe es minus zwei Grad, morgens 40 Grad gehabt. Die Extremsituation schweißt zusammen, das Team wird zur Ersatzfamilie.

Dabei hat er zwei Söhne, 13 und elf. Sie leben in München, bei seiner Ex-Frau. Seine Jungs seien damit aufgewachsen, dass ihr Vater viel reist und sie ihn nicht immer anrufen können. Am Anfang seiner Karriere habe es noch keine Mobiltelefone gegeben. Mittlerweile sei er besser zu erreichen, nur die Mongolei sei eine Ausnahme gewesen: drei Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt. „Du entbehrst alles.“

Als junger Filmemacher habe er viele Opfer gebracht, auch privat. Es belaste eine Beziehung, wenn ein Partner immer unterwegs ist. Daraus habe er gelernt. Nun lebt er in „wilder Fernehe“ mit seiner neuen Frau – sie in Freiburg, er in Brannenburg. Deshalb hat er „zwei Bahnhöfe“. Es sei wichtig, einen „Hafen“ zum Heimkommen zu haben.

Doch lange könne er sich nie an einem Ort aufhalten. Seine Kinder sagen Corts zufolge immer, dass er „Erwachsenen-ADHS“ hat. Er brauche dauernd Abwechslung. Das sei seit seiner Jugend so. Nach dem Abitur am Ignaz-Günther-Gymnasium ging er nach München. „Rosenheim war mir zu klein“, sagt Corts. In der Großstadt hat er eine Ausbildung zum Toningenieur bei „ARRI“, einem globalen Anbieter von Filmausrüstung, absolviert. Gewinner der „Academy Awards“ vertrauen auf deren Kameras und Technik. Das Unternehmen selbst hat den „Technical Oscar“, den „Engineering Emmy“ und viele weitere Preise gewonnen. Bei „ARRI“ habe er das Handwerk auf die „alte, harte Schule“ gelernt – ein Türöffner.

Nach seiner Ausbildung ist er eineinhalb Jahre mit einem Kameramann für ein Magazin um die Welt gereist. Er war kaum zuhause, hatte keine Wohnung mehr. „Ich habe bei Freunden auf der Couch geschlafen“, erinnert sich Corts. Seine Sachen habe er bei seinen Eltern verstaut.

In dieser Zeit habe er viel gelernt und entdeckte die Kamera für sich. Erst war er Assistent, irgendwann hat er selbst gedreht. „Wenn etwas schief läuft, war immer der Kameramann schuld“, sagt Corts. Es sei deshalb ein Sprung gewesen, als er plötzlich die ganze Verantwortung trug. Corts hat mit Dokumentationen angefangen, aber auch Werbung gedreht. Einmal sei er für ein zwölf Sekunden langes Video für vier Tage nach Südafrika geflogen. Dabei habe er das Doppelte verdient wie in den vier Wochen Mongolei. Die „Kunstwelt“ und Schnelllebigkeit liege ihm dennoch nicht. „Meine Spezialität sind Menschen“, sagt Corts. Er sei auf der Suche nach Echtheit, will Momente und Geschichten einfangen, ohne eine Situation zu stellen.

Dennoch hat er an Filmen und Serien mitgearbeitet. Etwa an „Der blinde Fleck“, ein Arte-Spielfilm über das Oktoberfest-Attentat. Sein größtes Set mit 60 bis 80 Leuten sei das der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Dark“ gewesen. Er war der zweite Kameramann neben Nik Summerer. „Eine Ehre“, wie Corts sagt. Er sei stolz, daran mitgewirkt zu haben. Doch nicht wegen dem Prestige. „Der Name ist es nicht“, sagt Corts. Die persönliche Nähe zu seinen „kleinen Babys“ bedeute ihm mehr.

Aktuell bereitet er eine Doku über einen Triathleten vor. Dafür müsse er selbst trainieren, damit er im Fahrradfahren und Laufen fit ist. „Es ist immer eine neue Herausforderung, technisch, körperlich und psychisch“, sagt Corts. Auch die Corona-Pandemie habe ihn belastet. Er habe seine Arbeit von einem auf den anderen Tag verloren, musste von seinen Ersparnissen leben.

Als „Beschäftigungstherapie“ hat Corts während der Pandemie einen Film mit einem Freund gedreht. Für „Der vergessene Weg“ sind sie durch „das wilde Herz des Nationalparks Hohe Tauern“ in Österreich gewandert. Dabei habe er das verbinden können, was er liebt: Bergsteigen und Dreharbeiten. Es war der erste Film, bei dem Corts Regie geführt hat, von der Ideenentwicklung bis zur Fertigstellung. Und das ohne Budget. Er habe keinen Cent verdient, nur Geld ausgegeben.

100 Stunden auf
90 Minuten gekürzt

Diese Leidenschaft kennt Georg Fischer von Corts. Der Schnitt-Techniker arbeitet seit über zehn Jahren mit ihm zusammen. Es sei „eines seiner besondersten kollegialen Verhältnisse“. Normalerweise habe er wenig mit Kameraleuten zu tun, bei Corts sei das anders. Er involviere ihn beim Dreh, diskutiere davor und danach, habe ein „riesen Interesse, wie es mit seinen Bildern weitergeht.“ Dieses Engagement sei einzigartig.

Nach dem Dreh bekommt Fischer über 100 Stunden Material, die er oft auf 90 Minuten kürzen muss. Deshalb kommen manche Tage gar nicht in den Filmen vor. „Es ist meine Aufgabe, nicht zu berücksichtigen wie viel Liebe und Arbeit in diesem Bild steckt“, sagt Fischer. Es komme darauf an, ob die Bilder helfen, die Geschichte zu erzählen.

Internationale
Preise gewonnen

Das schmerze Corts manchmal, denn oft sieht er die Filme erst bei der Premiere und vermisst manche Bilder. Deshalb schneidet er seine Dokus nicht selbst. „Der Kameramann ist Kameramann, weil er seine Bilder liebt“, sagt Corts. Und nicht nur er liebt seine Bilder. Für viele seiner Filme hat er internationale Preise gewonnen – bei den Emmy Awards, dem Sundance Filmfestival, den Imagen Awards, dem New York Film Festival und vielen mehr. Sogar für den Oscar war er nominiert. Für Corts kein Grund aufzuhören: „So lange das Feuer brennt, ist alles gut“.

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