Rohrdorf – Es war die Corona-Pandemie auf einen Tag eingedampft. „Man ahnt, man wird den Betrieb irgendwann zusperren müssen, weiß aber nicht, wann, hat auch keinen Plan, wann man wieder aufmachen darf und überhaupt wenig sichere Informationen.“ So erlebte Theresa Albrecht, die Chefin des Rohrdorfer Hotels zur Post den vergangenen Freitag, den Tag des Bombenfundes.
Andere Betriebe im 300-Meter-Radius um die Fundstelle hatten dafür ganz schnell konkrete Handlungsanweisungen, völlig unerwartet und beileibe nicht die, die sie haben wollten: „Gegen neun Uhr kam Polizei in den Laden“, so erzählt Franziska Doff, Verkäuferin im Dorfbäcker, „und sagte uns, dass wir den Laden binnen fünf Minuten räumen müssten, weil in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Bombe gefunden worden wäre“.
Hotelgäste auf
Ausflug geschickt
Der Bombenfund sprach sich natürlich auch beim Hotel zur Post herum, wenn es dort auch bislang noch keine direkten Anweisungen seitens der Polizei gab. So wurde Theresa Albrecht selbst aktiv, riet allen Gästen, die nicht sowieso schon an diesem Vormittag weiterreisen wollten, den Tag über möglichst außerhalb, bei einem Ausflug zu verbringen. Und auch die Teilnehmer einer Tagung der Fachhochschule, die gerade begonnen hatte, informierte sie: Es sei möglicherweise damit zu rechnen, dass man im Laufe des Vormittags das Haus verlassen müsse. Unsicherheit auch bei der ans Hotel angeschlossenen Metzgerei: Weitermachen mit den Vorbereitungen für die dort angebotenen Snacks und Mahlzeiten, oder sofort aufhören? Theresa Albrecht entschied: Mit Fisch und Mehlspeisen sofort aufhören, denn die wären, wenn sie nicht ganz frisch verkauft werden könnten, nur noch wegzuschmeißen. Die Mitarbeiter, wie sie erzählt, dennoch unsicher: Freitag ist ein verkaufsstarker Tag und da weder Fisch noch Mehlspeisen?
Beim Dorfbäcker bereitete diese Frage hingegen kein Kopfzerbrechen mehr, alle belegten Semmeln, alle Butterbrezen lagen längst in der Auslage, als die Polizei den Laden schloss. Für Inhaber Wolfgang Sattelberger war damit klar: Diese Waren sind als Verlust abzuschreiben, denn selbst wenn man im Laufe des Nachmittags wieder aufmachen könnte, würden dann wohl mit Glück vielleicht die sonstigen Vorbestellungen noch abgeholt werden, „belegte Semmeln und Butterbrezen will am späteren Nachmittag kein Mensch mehr“.
Geringere Probleme hatte man bei „Haargenau“. Zwar musste auch das Friseurgeschäft binnen fünf Minuten zumachen, aber, so Chefin Eli Strein, „es war zu dem Zeitpunkt zum Glück nur eine Kundin zum Haareschneiden da – die kam einfach abends wieder“.
Etwas mehr Sicherheit auch im Hotel bekam man dann gegen 10.30 Uhr, da wurde seitens der Polizei bestätigt, dass das Hotel zu räumen sei, wenn man auch derzeit noch nicht genau wisse, ab wann. Theresa Albrecht hatte zu dem Zeitpunkt noch eine weitere Sorge am Hals: An diesem Tag sollten vier neue Mitarbeiter ihre Arbeit antreten. Vier, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet waren.
Sie klemmte sich ans Telefon und bemühte sich, deren Ankunft hinauszuschieben, sie sollten Kaffee trinken, Essen gehen, irgendwas, nur nicht gleich herkommen. Denn sie sorgte sich, was das für die Seelenlage der vier neuen Mitarbeiter bedeuten könnte, wenn sie gleich an ihrem ersten Arbeitstag in ein Umfeld gerieten, das von einer Bombe bestimmt wird und in dem zumindest zeitweise alles drunter und drüber geht.
Biergarten lief
schneller als gedacht
Die Bombenentschärfung ging dann glücklicherweise schnell, um 15.30 Uhr konnte vermeldet werden: Die Gefahr ist vorüber. Theresa Albrecht wurde überrascht: „Ich hatte mich darauf eingerichtet, dass wir das Geschäft an diesem Abend nur improvisiert über die Bühne bringen werden, doch dank unserer Mitarbeiter lief alles fast augenblicklich wieder rund.“
Und sie erzählt, dass sie Hotelgäste, die bereits um 16 Uhr eintrafen, von einem Besuch des Biergartens abhalten wollte, weil sie glaubte, dass der noch nicht geöffnet habe. Die Mitarbeiter waren schneller, der Biergarten lief.
Beim Dorfbäcker hatte sich für die vorbereiteten Semmeln und Butterbrezen eine Lösung gefunden. Wolfgang Sattelberger verteilte sie kurzerhand an die Einsatzmannschaften, „so bekamen sie wenigstens eine sinnvolle Verwendung“.