Wenn die Natur in Flammen steht

von Redaktion

Waldbrandexperte Lindon Pronto klärt über Taktik und Ausstattung auf

Aschau – Man kann den Alpenraum nicht mit Brandenburg, dem Mittelmeerraum, Indonesien oder den USA vergleichen, und doch sieht Lindon Pronto (33) für ganz Deutschland Nachholbedarf in Sachen Waldbrandbekämpfung: Ausbildung, Ausstattung, Koordination, Strategie, Taktik und Kommunikation müsse sich verbessern und die Bevölkerung stärker für die Risiken sensibilisiert werden.

Der gebürtige Nordkalifornier, der seit gut acht Jahren in Deutschland wohnt, weiß, wovon er redet. An der Westküste der USA sind großflächige Waldbrände an der Tagesordnung, sein Vater ist Wildland Firefighter. Während der High School entschloss er sich, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und arbeitete sieben Jahre als Brandbekämpfer.

Für das Studium
nach Deutschland

Für sein Masterstudium zog es ihn 2014 an die Universität Freiburg. Dort widmet sich der Forschungsbereich „Sustainability and Environmental Governance“ dem Thema der Mensch-Umwelt-Beziehungen und dem Zusammenspiel der Koordinationsmechanismen von Markt, Staat und Zivilgesellschaft („governance“) und deren Einfluss auf die bestimmenden Faktoren nachhaltiger Entwicklung. Hört sich theoretisch an, ist aber sehr praxisorientiert, betont Lindon Pronto im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Seit gut zwei Jahren ist er beim Europäischen Forstinstitut (EFI) mit Sitz in Bonn. Pandemiebedingt und aufgrund seiner vielfältigen globalen Tätigkeit residiert er allerdings nicht in der ehemaligen Bundeshauptstadt, sondern wohnt in Innerwald bei Aschau im familiären Mehrgenerationenhaus.

Warum es auch bei uns in Deutschland ein besseres Feuermanagement braucht, kann der Waldbrand-Experte schnell erklären. Der Klimawandel hat zu einem Anstieg der Temperaturen und zu schwereren und häufigeren Wetteranomalien wie Stürmen, Dürren und Hitzewellen geführt, von denen beispielsweise Europa überproportional betroffen ist. Deutschland gehört zu einer Handvoll „neu“ brandgefährdeter Länder.

Das heißt, dass es bei uns in Deutschland eine zunehmende Anzahl von Tagen pro Jahr geben wird, an denen „Feuerwetter“-Bedingungen – gemessen in Temperatur, relativer Luftfeuchtigkeit, Wind und Niederschlag – die Entzündung und Ausbreitung von Bränden begünstigen. Deswegen fordert er: „Wir sollten von anderen Ländern lernen, die mehr Zeit und Erfahrung im Umgang mit Waldbrandproblemen haben. Und wir müssen unsere Einsatzkräfte besser ausbilden und ausrüsten.“ Dazu zählen für den Waldbrand-Experten eine andere Strategie und Taktik, eine andere Schutzkleidung und andere Werkzeuge sowie ein Grundverständnis der Einflüsse von Vegetation – Art, Menge, Struktur – Wetter und Gelände auf das Brandverhalten. Denn: „Man kann einen Waldbrand nicht mit einem Wohnungsbrand vergleichen.“

Aber auch körperliche Fitness und Ausdauer seien wichtig. Zusammen mit seinen EFI-Kollegen arbeitet Pronto in dem von der Bundesregierung geförderten Projekt Waldbrand-Klima-Resilienz. Dabei werden Ausbildungsmodule erstellt, auf Demonstrationsflächen Präventionsmaßnahmen bei einem Waldbrand eingeübt, Multiplikatoren aus den Bereichen Feuerwehr, Forst und Zivilschutz können an internationalen Schulungen im In- und Ausland teilnehmen und ihr Wissen hier anwenden. Dieses Wissen kam schon bei dem Großbrand in Brandenburg/Sachsen in der Gohrischheide zum Einsatz, er selbst wurde beim Großbrand in der Sächsischen Schweiz zu Hilfe gerufen.

Glut manchmal
tagelang unentdeckt

Brandenburg mit seinen sandigen Böden sei nicht mit dem Alpenraum zu vergleichen, meint Pronto, aber: „Bei uns gibt es auch Zündungsquellen, sei es ein Blitzeinschlag oder trockene Böden.“ Da könne ein kleiner Brand tagelang unentdeckt bleiben, bis er durch eine ungünstigere Wetterlage aufflammt. Dazu das unwegsame Gelände. Brandbekämpfung und Prävention müsse man offensiver angehen, fordert der Waldbrand-Experte. Sei es die Zusammenarbeit von Bergwacht, THW, Feuerwehr, Bundespolizei und Bundeswehr, sei es die Ausstattung der Brandbekämpfer oder seien es seitens der Gemeinden Baurichtlinien zum Schutz der Infrastruktur. Und: Die Öffentlichkeit muss stärker für die Risiken sensibilisiert werden. Es bleibt also noch viel zu tun.

Firefighter in freier Natur

Lindon Pronto ist Senior Experte für Vegetationsbrandmanagement am European Forest Institute (EFI) in Bonn. Er war selbst viele Jahre als Feuerwehrmann in Kalifornien tätig und seit 2015 Mitglied in nationalen und internationalen Fachgremien. Der 33-Jährige war in vielen Ländern wie Indonesien und im Kongo beratend tätig, um Strukturen im Brandmanagement zu verbessern und auszubauen. Schon während seines Masterstudiums in Freiburg und danach half er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Global Fire Monitoring Center unter anderem beim Aufbau des Regional Fire Management Ressource Center in Südostasien mit. Er leitet die thematische Arbeitsgruppe Landscape Fire Crisis Mitigation des FIRE-IN-Projekts, des ersten europäischen Innovationsnetzwerkes für Feuerwehr und Rettungswesen. Sein thematisches Fachwissen ist von der Europäischen Kommission, Regierungsbehörden und dem Privatsektor thematisches Fachwissen gefragt, er hält regelmäßig Vorträge bei Feuerwehren, Messen, Konferenzen, Schulen und Universitäten.

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