Wenn die Fußballkarten nicht kommen

von Redaktion

Post liefert Briefe und Paket in Stephanskirchen nur noch sporadisch

Stephanskirchen – Die Karten für das Champions-League-Spiel Bayern gegen Pilsen liegen noch irgendwo bei der Post. Mittlerweile ist auch das Rückspiel abgepfiffen. Beide Partien haben die Münchner gewonnen. Das weiß Christine Leuthe aus dem Fernsehen. Sie hätte live dabei sein können. Aber ihre Karten liegen noch immer irgendwo bei der Post. Am 1.Oktober um 19 Uhr bekam Leuthe letztmalig Post zugestellt.

Am selben Tag hat auch Bernhard Doetsch das letzte Mal Post bekommen. Samstags gibt es sowieso keine Post mehr, an der Hälfte aller Montage auch nicht.

Seit Juli nur einmal pro Woche Zustellung

Das kann Josef Gantner überbieten: Bei ihm ist es mehr als zwei Wochen her. „Bei mir kommen Briefe oder Rechnungen von Lieferanten nicht an, auch die Einladungen als ehrenamtlicher Richter nicht“, sagt der Inhaber einer Heizungs- und Sanitärfirma. Da ist dann schnell mal eine Skonto-Frist verstrichen, bis Gantner die Rechnung überhaupt in Händen hält. „Wir bekommen schon seit Mitte Juli nur einmal die Woche Post. Damit war umzugehen. Aber gar keine Zustellung mehr?“

Das kann teuer werden. Eine Frau, die nicht genannt werden will, wartet auf einen Heil- und Kostenplan ihrer Krankenversicherung, um diesen an eine Zusatzversicherung weiterzugeben. Die Zusatzversicherung akzeptiert nur das Originalschreiben. Wenn es dumm läuft, übernimmt die Zusatzversicherung die Kosten nicht. Es gibt beispielsweise Zahnbehandlungen, da bleibt man schnell auf Kosten im fünfstelligen Bereich sitzen. Da sind verspätet oder gar nicht ankommende Zeitschriften oder Einladungen Kleinkram.

Und wenn dann doch irgendwo mal ein Stapel Post ankommt, ist der oft so groß, dass er nicht in den Briefkasten passt. Auch diese Erfahrung ist kreuz und quer in Stephanskirchen schon gemacht worden. Zumal dann, wie nicht nur Thomas Aßbichler berichtet, Post auch falsch, gleich für mehrere Personen in der Nachbarschaft, zugestellt wird. Er könne es ja in die richtigen Briefkästen werfen, er wisse ja, wo die Leute wohnen, musste sich Aßbichler schon von einem Zusteller anhören.

Viele Stephanskirchner haben schon zur Selbsthilfe gegriffen und sind zum Verteilungszentrum in Kragling, hinter der Pizzeria, gefahren. Christine Leuthe hatte Pech. Nicht nur, dass in dem Wust von Päckchen und Briefen ihre Post nicht zu finden war. Einer der Mitarbeiter sei auch noch extrem patzig und beleidigend geworden, erzählt sie.

Josef Gantner kehrte am Mittwoch zwar mit einem dicken Stapel Post nach Hause zurück, stellte dann aber fest, dass es ausschließlich die Post vom 26. bis 29.September war. Und die nicht komplett. Und er erfuhr im Gespräch mit dem Mann am Ausgabeschalter, dass im Verteilerzentrum in der Woche vom 4. bis 8. Oktober niemand gearbeitet hat – alle Mitarbeiter waren krank. „Wäre da nicht eine Zeitarbeitsfirma eine Lösung? Wir zahlen ja auch alle Porto und das wird immer teurer“, sagt der Geschäftsmann. Und muss fast lachen, als er erzählt, dass ein versehentlich unterfrankierter Brief – fünf Cent fehlten – in kürzester Frist wieder bei ihm im Büro eintraf.

Was sich sicher bemerkbar macht: Der Generationenwechsel bei den Zustellern. 45 Jahre wie am Schloßberg und ebenfalls Jahrzehnte wie bei Gantners in Kragling, diese Zeiten sind langsam passé.

„Wir waren verwöhnt. Unsere Zustellerin war sehr zuverlässig, kam jeden Tag, egal welches Wetter, täglich mit dem Radl“, so Gantner. „Seit sie in Pension gegangen ist, funktioniert es nicht mehr.“

Unter den Boten
geht die Angst um

Doetsch hat im Gespräch mit „einem/einer Zustellenden“ – das Geschlecht hält er bewusst offen – erfahren, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter natürlich den Personalmangel spürten. Ihm sei aber auch erzählt worden, dass die Angst umgehe: „Der kleinster Fehler und es wird sofort gekündigt“, zitiert er seinen anonymen Gesprächspartner.

Bei dem Versuch, die Post-Agentur in der Salzburger Straße telefonisch zu erreichen, landen Anrufer sofort in der Warteschleife des Kundenservices der Deutschen Post in Bonn. Und bekommen dort nach einem Werbejingle „Deutsche Post/ DHL, die Post für Deutschland“ zu hören: „Aufgrund von höheren Anrufvolumen dauert es leider länger, bis wir Ihr Gespräch persönlich entgegennehmen können.“

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