Wird Pflege ein Luxusgut?

von Redaktion

Ob Lebensmittel, Sprit oder Löhne – die gestiegenen Kosten belasten Pflegedienste. Leiter von Einrichtungen in den Inntal-Gemeinden berichten, wie teuer es für Betroffene und Angehörige wird. Die Stimmung ist angespannt.

Flintsbach/Oberaudorf/Kiefersfelden/Brannenburg – „Wir sind ein ambulanter Pflegedienst. Die Spritkosten sind ein Punkt, der uns sehr trifft“, sagt Angelika Resch vom Verein Christliches Sozialwerk Oberaudorf Kiefersfelden. Auch die Preise von „Essen auf Rädern“ seien gestiegen. Das müsse der Verein an die Pflegebedürftigen weitergeben. Geht es nach Resch, sollten die Krankenkassen die gestiegenen Kosten refinanzieren. Aktuell verhandle die Caritas mit den Kassen. Bis es ein Ergebnis gibt, müssten sich die Pflegedienste das Geld von den Betroffenen holen. „Es ist leider Gottes so“, bedauert Resch. Die Preisspanne gehe von 200 bis 2500 Euro im Monat.

Betroffene zahlen
bis zu 2500 Euro

„Die Kosten werden auf die Betroffenen umgelegt“, bestätigt Ralf Perna, Leiter des Haus Inntal in Brannenburg. 2021 habe der einrichtungseinheitliche Eigenanteil pro Tag noch 26,36 Euro betragen, nun läge er bei 40,21 Euro. Das sind rund 1200 statt 800 Euro pro Monat – 400 Euro mehr. Hinzu kommen Kosten für Verpflegung und Unterkunft. Dem Leiter zufolge müssten die Bewohner nun bis zu 2500 Euro bezahlen. „Die Pflege wird immer teurer, da brauchen wir uns nichts vormachen.“ Das größte Problem im Haus Inntal seien die Heiz- und Energiekosten. Perna hofft deshalb auf eine Unterstützung der Regierung. Die erhöhten Löhne spielten auch eine Rolle.

„Es war wahnsinnig schwierig und eine sehr kurzfristige Geschichte, wie das umgesetzt wurde“, sagt Eva Faltner, Geschäftsleiterin des Vereins Christliches Sozialwerk Brannenburg-Degerndorf-Flintsbach. Die Lohnerhöhung habe ihre Einrichtung nicht so sehr belastet, weil der Verein in einer Verhandlungsgemeinschaft ist. Dadurch sei das Lohniveau bereits höher gewesen. „Für die ortsnahen Pflegedienste ist die Tarifbindung aber ein großes Problem“, sagt Faltner. Denn die Refinanzierung über die Kassen werde immer über ein Jahr verhandelt. Beraten werde aber erst wieder im kommenden Jahr. Die Geschäftsführerin befürchtet deshalb, dass kleine und ortsnahe Heime schließen werden – wegen der Personalnot, der Tariferhöhung, der Zwischenfinanzierung der gestiegenen Energiekosten und dem Coronavirus. „Das ist eine Erschöpfung und ein Aufgeben“, sagt Faltner. Die extreme Inflation, ob Lebensmittel, Sprit oder Unterkunft, sei zu viel für einige Einrichtungen. Dabei müssten kleine und ortsnahe Pflegedienste unbedingt erhalten werden. Im Landkreis schließen laut Angelika Resch bereits immer mehr Pflegedienste. Das sei eine extreme Belastung für die übrigen Pflegedienste. „Der Bedarf ist so hoch, dass wir das bald nicht mehr auffangen können“, sagt sie.

Auch im Haus Inntal rufen verzweifelte Angehörige an. Perna bekomme sogar Anfragen aus Hamburg und Baden-Württemberg. Manche Angehörige würden ihn und seine Mitarbeiter teils wüst beschimpfen, wenn es um den Preis geht. „Irgendwann ist der Punkt gekommen und die Leute können nicht mehr“, sagt Perna. Kaum jemand habe im Monat 3000 Euro über. Viele Bewohner hätten nur eine Rente von 500 Euro.

Reform des Systems
erscheint notwendig

„Irgendjemand muss es bezahlen“, sagt Faltner. Wer das sein soll, sei noch nicht durchdacht. Manche Betroffene müssten im Monat bis zu 4000 Euro beisteuern. Es gebe Fördergelder zur Pflege vom Bezirk, aber das wüssten viele Bürger nicht. Es brauche eine Reform des Pflegesystems. Denn die Budgets in den Pflegegraden seien nicht gestiegen. Die Eigenanteile wären deshalb sehr viel höher. Deshalb warnt die Geschäftsführerin: „Die große Gefahr, dass die Pflege zum Luxusgut wird, besteht natürlich.“

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