Aschau – Ein kontinenteübergreifendes Liebespaar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Ausgesprochen ungewöhnlich. In Aschau aber Realität. Hubert Fidler von Isarborn, seines Zeichens Kunstlehrer in Györ (Ungarn) im militärischen Dienst, lernte Lela Mercer of Aldie in der Wachau kennen. Diese war aus den USA angereist, um mit ihrem Bruder Henry Europa zu erkunden.
Hochzeit in
Pennsylvania
In Krems lernten sich Lela (1858 bis 1919) und Hubert (1857 bis 1920) kennen, wenig später heirateten sie auf dem Familiengut der Mercers of Aldie in Doylestown (Pennsylvania), und doch kehrten sie wieder zurück nach Bayern. Warum, ist nicht bekannt.
Vielleicht, so mutmaßt es Prof. Dr. Natascha Mehler, Vorsitzende des Aschauer Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), war es Freiherr von Cramer-Klett. Der, nachdem er sich auf dem Schloss angesiedelt hatte, zahlreiche Freunde und Bekannte animierte, sich ebenfalls in Aschau niederzulassen. Und woher hatten die beiden das Geld, um sich den Walburgishof und ein Atelier zu leisten? Was mit der Begutachtung des von den Nachfahren der Familie gepflegten schmiedeeisernen Kreuzes begann, wurde eine mit viel Liebe und Akribie betriebene Recherche für Natascha Mehler und Leo Stauber, der in Wien Geschichte studiert. Als wäre die deutsch-amerikanische Liebesgeschichte für damalige Zeiten nicht schon aufregend genug, wie sie im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt, es verbirgt sich dahinter noch viel, viel mehr.
Bis heute finden sich Spuren der Familie Fidler von Isarborn. Vermutlich „sponserte” die verwitwete reiche Tante Elizabeth Chapman dem Paar die angemessenen Anwesen zu Aschau. Der Walburgishof, nach der gemeinsamen Tochter Walburga (1893 bis 1975) benannt und stilgerecht 1901 im Stil der bäuerlichen Anwesen errichtet, wurde 1902 erworben.
Später wurde der Hof mit 15 Angestellten Ferien-Domizil für Stummfilmstar Brigitte Helm, die hier mit ihrem Mann Dr. Hugo Kunheim weilte. Nach dem Zweiten Weltkrieg urlaubte hier (dann erneut unter neuem Besitzer) unter anderem der damalige Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss. Heute ist der Hof im Privatbesitz.
Das frühere Wasch- und Wirtschaftshaus ließ sich Hubert später zum Atelier umbauen. Gegenüber waren ein Tennisplatz und eine Garage samt Haus für den Chauffeur. Hubert besaß nämlich das erste Automobil in Aschau. Die Familie Fidler von Isarborn zeichnete auch verantwortlich für die Sanierung der Kettenkapelle und der Bemalung der alten Orgel – die heute nicht mehr existiert.
Das Atelier in der Zellerhornstraße, heute ein privates Wohnhaus, ist vermutlich auf die schottische Ursprungslinie der Mercer of Aldie zurückzuführen und nicht einer Reminiszenz an fränkische Fachwerksgebäude. Und als wäre das nicht genug: Auch die Familiengeschichte der Mercer of Aldie wäre Geschichten wert. So wurde Lelas Bruder Henry ein berühmter amerikanischer Archäologe und ließ sich den ersten Betonbau der USA, das Fonthill Castle, in Doylestown errichten.
In Doylestown gibt es bis heute auch das von Henry Mercer errichtete Mercer Museum, in dem auch „Mitbringsel” aus Aschau und der Region ausgestellt sind. Zahlreiche Fotos und Dokumente belegen, dass man gern über den Atlantik reiste.
Geliebte vom
Innenminister
Sei es die Überfahrt der gesamten Familie nach Europa, wie es in Lloyd-Versicherungsakten verzeichnet ist, sei es der Erwerb von Wohnungen am Odeonsplatz und in der Königinstraße in München, oder sei es der Eintrag in der Gästeliste der von Cramer-Kletts, bei dem unter dem 1.8.1907 beim Tennis- und Kegelspiel auch eine Fanny Chapman unterschrieben hat. Besagte Fanny war die unverheiratete Geliebte von Carl Schurz, Innenminister der USA.
Noch sind viele Fragen offen, sagt Natascha Mehler. Die Nachfahren der Familie Fidler von Isarborn leben heute auf Mallorca. Aber wo sind die Bilder von Hubert abgeblieben? Und warum ließ sich die Familie seinerzeit in Aschau nieder? Weitere Recherchen sind also nicht ausgeschlossen.