Rohrdorf – Die Tracht war für den jungen Mann eine Möglichkeit, zünftig und fesch dazustehen und doch auch viel mehr: Tracht, das war lebendige Tradition, und Tradition verstand schon dieser junge Mann als bewahrtes Wissen. Das Wissen vor allem darüber, woher man kommt.
Gelernter Beruf des
Wagners als Traumjob
Ohne bewusste Pflege verschwindet solches Wissen schnell, auch das hatte bereits der noch junge Peter Reisner erfahren müssen. Er hatte in Rohrdorf den Beruf des Wagners gelernt. Es war ein Traumjob für ihn. Doch als er mit der Lehre fertig war, war es auch mit der Wagnerei vorbei. Auch auf dem Land wollte kein Mensch mehr Gefährte mit Holzrädern – der Krieg, der nicht lange zuvor zu Ende gegangen war, hatte genügend Fahrzeuge und Reifen übergelassen. Die Zeit war schon damals schnelllebig – kaum hatte das Wagnerhandwerk begonnen, seine Bedeutung zu verlieren, da war es auch schon vergessen.
Für Peter Reisner muss das ein ganz einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Und es ist vielleicht nicht zu weit hergeholt, wenn man ein lebenslanges Bemühen von ihm damit in Verbindung bringt: Zeugnisse des bäuerlichen Alltagslebens aus der Region vor dem Weggeworfenwerden und damit dem Vergessen zu bewahren.
Der Bau des Achentaler Heimathauses wurde von ihm deshalb von Anfang an nicht nur als Möglichkeit gesehen, dem Trachtenverein eine dauerhafte und angemessene Heimat zu geben, sondern auch als der Ort für ein Bauernhausmuseum.
Peter Reisner und der Trachtenverein, das ist sowieso ein Paar, das nicht zu trennen ist. Schon als 15-Jähriger hatte er mit einem Freund um die Aufnahme ersucht, die beiden wurden damals noch mit der halb scherzhaften, halb spöttischen Bemerkung „Jetzt kommts junge Gschwerl“ abgetan. Diese Einschätzung änderte sich bald, nachdem er mit 18 das damalige offizielle Eintrittsalter erreicht hatte. Mit 27 war er bereits Kassenrevisor und Beisitzer, mit 30 dann Vorstand – und das über drei Jahrzehnte hinweg.
Vorstand zu sein genügt aber nicht, um Visionen umzusetzen. Denn die Idee, das Vereinsheim der Achentaler nicht einfach neu zu bauen, sondern dafür ein altes Bauernhaus aus dem Jahr 1727 umzusetzen, war eine solche. Dafür braucht es Überzeugungskraft – und viel solide Vorbereitung. Als Peter Reisner Ende der 70er-Jahre für diese Idee warb, hatte er alle damit verbundenen möglichen Probleme schon durchgespielt und dafür auch Lösungen gefunden.
So zum Beispiel hatte er bereits die Zusage des Zementwerks, alle für den Wiederaufbau benötigten Baustoffe als Spende zu bekommen. Auch für das benötigte Holz war gesorgt. Möglich wurde dies, weil Peter Reisner, wie man heute sagen würde, ein begnadeter „Networker“ war. Er selbst hätte es wohl so formuliert: „Man muss d‘ Leit halt meng.“ Das tat er und deshalb arbeiteten alle gern mit ihm zusammen. Sie spürten: Da ist jemand, der weiß, was er will, der führen kann, aber gleichzeitig jemand, der alle anderen mitnimmt und mitkommen lässt.
Anders wäre das Heimathaus, in dem 20000 ehrenamtliche Arbeitsstunden von zahllosen Helfern stecken, nie vollendet worden. Anders wäre auch das Bauernmuseum im Heimathaus nie zu seiner einzigartigen Sammlung gekommen, die dem Achentaler Heimathaus eine Bedeutung weit über Rohrdorf, ja sogar die Region, hinaus verleiht.
Und dabei ist ein ganz besonderes Kleinod noch gar nicht erwähnt: die Holzbibliothek. In früheren Jahrhunderten waren solche Buchsammlungen, in denen die einzelnen „Bücher“ aus den Hölzern verschiedener Bäume bestehen und als „Inhalt“ deren Früchte, Blätter und Samen zeigen, exquisite Statusobjekte: Prachtstücke in fürstlichen oder erzbischöflichen Bibliotheken und „Wunderkammern“.
Peter Reisner wollte eine solche Xylothek mit einem ganz anderen Ziel schaffen: als ein Quell des Wissens, für alle zugänglich, für alle anzufassen. Denn Holz, das war die Überzeugung des gelernten Wagners Peter Reisner, Holz begreift man nur durch Greifen.
„Bsuachts
ma ‘s Heimathaus“
Für seine Verdienste wurden Peter Reisner die Bürgermedaille der Gemeinde Rohrdorf, das Bundesverdienstkreuz und die Bayerische Denkmalschutzmedaille verliehen.
Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter konnte ihm im Jahr 2020 sogar die Ehrenbürgerwürde verleihen.
Könnte man ihn aber jetzt noch einmal selbst fragen, womit man ihm als Dank für sein Lebenswerk eine Freude machen könnte, so würde er wohl sagen: „Bsuachts ma ‘s Heimathaus und sei Museum.“