Flintsbach – Brotzeitecke, Küche, Gemeinschaftsraum und eine Tribüne für Live- Präsentationen – all das wäre auf einer klassischen Baustelle undenkbar. Doch in der neuen Werkstätte der Rosenheimer Firma Tjiko soll genau das ein Umdenken in der Baubranche einläuten.
„Das ist schon richtig
cool geworden”
„Das ist schon richtig cool geworden”, sagt Lukas Schiffer, Holztechniker und Geschäftsführer von Tjiko, bei einem Blick über die weitläufige Halle. Zahlreiche überdimensionale Holzkisten stehen hier in einer Linie aufgereiht und warten darauf, zum transportablen Badmodul verarbeitet zu werden. Damit das passiert, kommen gut 50 Mitarbeiter jeden Morgen in den 2018 gegründeten Betrieb und sehen am „Herzstück”, einer digitalen Fertigungsakte, welcher Arbeitsschritt bei welchem Bad gemacht werden muss.
„Ich sehe auf dem Bildschirm genau, was ich wann bei welchem Modul bearbeiten kann”, beschreibt Teilzeit-Mitarbeiterin Kimberley Krebs ihren Alltag. Dabei könne sie problemlos eine Woche vorher genau planen, wann sie welchen Schritt erledigt. „Durch die industrielle Planung wissen wir in den nächsten drei Monaten genau, was auf uns zukommt”, sagt Schiffer, der seit Jahren mit dem sogenannten Bienenstockprinzip arbeitet. Das bedeutet, dass die Arbeitsschritte und die Baumodule mit den Einsatzplänen der Mitarbeiter digital verknüpft sind. Mit dieser digitalen Akte und der Arbeit im Trockenen sei man dem Ablauf auf einer Baustelle deutlich voraus.
Wenn beispielsweise Krebs mit ihrer Arbeit an den Fliesen fertig ist, übernimmt der Heizungs- und Sanitärarbeiter Thomas Köhler den nächsten Schritt auf dem Weg zum fertigen Bad. „Ich habe 35 Jahre auf einer Baustelle gearbeitet und dabei viel schleppen müssen. Das hier ist kein Vergleich”, sagt der erfahrene Kolbermoorer. Sind alle Produktionsschritte beendet, wird das Badmodul verpackt und auf die Baustelle transportiert. Dort wird das Fertigbad per Kran eingesetzt und muss nur noch angeschlossen werden.
Nach dem Umzug von der Produktionsstätte in Schechen will Schiffer nun seine Produktion erhöhen. „Im Moment produzieren wir zwei Bäder pro Tag“, meint er. Mit mehr Platz, einem geplanten Fließband und verbesserten Abläufen sei er jedoch überzeugt, künftig drei Module pro Tag herstellen zu können. Ein Durchlauf von 2000 Bädern pro Jahr, die im Standardmodell durchschnittlich zwischen 15000 und 20000 Euro kosten, ist laut dem Geschäftsführer in fünf Jahren möglich.
Unterstützung bekommt der Rosenheimer mittlerweile vermehrt von der BayWa, die seit Beginn des Jahres die Mehrheitsanteile von Tjiko erworben und mit Claus Übelhack nun auch eine Stimme in der Geschäftsführung hat. „Wir haben schon seit Gründung der Firma eng zusammengearbeitet, weshalb ich mich freue, ihn mit am Tisch zu haben”, meint Schiffer. Direkte Anweisungen, bei denen er kein Mitspracherecht mehr hätte, werde er aber nicht vom Konzern bekommen.
Der Start in die neue Produktion war für Schiffer gar nicht so leicht. „Wir mussten hier erst einmal alles rausreißen und neu einrichten”, sagt der Rosenheimer. Denn vor dem jungen Unternehmen war der traditionelle Glasgroßhandel Roflag im Gebäude. Dieser musste jedoch im Juli 2022 die Produktion einstellen.
Seit Oktober ist daher Tjiko in der Gemeinde angekommen. „Ich finde es großartig, dass jetzt so ein junges, innovatives Unternehmen bei uns ist”, sagt Bürgermeister Stefan Lederwascher. Er sei überzeugt von den hochwertigen Holzprodukten und sieht das Konzept in der Baubranche durchaus als vielversprechend. In der kommenden Woche wolle er sich, gemeinsam mit dem Gemeinderat, bei einer Betriebsführung ein genaueres Bild von Tjiko machen.
Musikanlagen
oder Bildschirme
Für die Zukunft sieht Schiffer noch Potenzial. „Wir haben zwar bereits die ersten Wettbewerber, sind aber immer noch ein Stück voraus”, ist er überzeugt. Das fertige Bad ließe sich in jedem Fall noch modifizieren. Während beispielsweise schon behindertengerechte Module eingebaut werden können, wäre es künftig auch möglich, noch mehr technische Komponenten wie Musikanlagen oder Bildschirme einzubauen. Auch die Mitarbeiterzahl soll laut Schiffer weiter ausgebaut werden. Im Moment ist der Rosenheimer aber erst einmal zufrieden, in Flintsbach die Heimat für seine Firma gefunden zu haben.