Leben mit einer Brustprothese

von Redaktion

Internationaler Frauentag Bernauer Model Eva Bauer kämpft für Aufklärung

Bernau/Raubling Eva Bauer, 70, zupft ihr T-Shirt zur Seite. Darunter liegt ihre Prothese. Sie klebt an Bauers Brustkorb – an der Stelle, an der früher ihre rechte Brust war. Das Model zieht die Prothese ein Stück ab und bringt sie wieder an, um die Haftung zu demonstrieren. „Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten“, sagt sie und lacht.

Schüchtern ist Bauer nicht. Sie geht offen mit ihrer Prothese um – und mit dem Brustkrebs. Heimlichtuerei mag Bauer nicht. Deshalb habe sie auch nie eine Perücke getragen. Die Bernauerin hatte vier Chemotherapien und 25 Bestrahlungen. Ärzte haben ihre rechte Brust entfernt und alle Lymphknoten unter der Achsel. Verdächtige Lymphknoten werden entfernt, um die Ausbreitung des Krebses zu verhindern.

„Eine enorme
psychische Belastung“

„Das ist eine enorme psychische Belastung. Die emotionalen Tiefen sind sehr ausgeprägt“, sagt Eva Bauer. Sie sei dünnhäutiger geworden, aggressiver, trauriger. Jeder habe zu ihr gesagt: Du packst das schon, Du bist so stark. „Ich dachte: Kuck hinter die Fassade.“

Dennoch habe sich Bauer in Bezug auf den Krebs gedacht: „Du kriegst mich nicht.“ Sie habe sich nicht damit beschäftigt, weshalb sie Krebs hat. „Warum soll ich einer Frage nachjagen, auf die ich keine Antwort kriege?“ Dafür habe sie ohnehin keine Zeit gehabt – während dem „Psychoterror“ nach der Operation. Ihr fielen die ersten Haare aus. Ein Schock. Dann schnitt sie sich den Rest selbst ab.

Keine Haare und eine Brust. Das Thema „Frausein“ habe Bauer belastet. Anfang der 90er-Jahre seien ihr in der Werbung dauernd Busen entgegen geblitzt, Frauen nur über ihre Sexualität beurteilt worden. „Und du hast einen Teil davon nicht mehr, das hat mich so wütend gemacht“, erinnert sich Bauer.

Damit ist sie nicht allein. „Bin ich noch wertig als Frau? Bin ich vollständig?“ – Fragen wie diese stellen sich Claudia Horrer zufolge viele Frauen nach einer Brustamputation oder brusterhaltenden Operationen. Sie leitet die Trainingsabteilung bei Amoena in Raubling, dem Weltmarktführer für Brustprothesen. Jedes Jahr werden 500000 Prothesen produziert, dazu 1,5 Millionen Textilien wie Unterwäsche oder Bademode.

Auf einer Messe hat Eva Bauer von dem Unternehmen erfahren. 30 Jahre ist das her. Kurz nach der Messe hatte Bauer ihren ersten Versorgungstermin. Dabei werden das Gewebe und die Narben betrachtet, um die geeignete Prothese zu finden. Die Beraterin habe sie gefragt, ob sie Produkte für Amoena testen will. So verschlug es Bauer in die Produktentwicklung.

„Eva hat eine der ersten Haftprothesen getestet“, sagt Claudia Horrer. Doch beim Testen blieb es nicht. „Sie ist eines unserer Topmodels und war das erste Oben-ohne-Model“, sagt Horrer. Auf zwei Meter großen Plakaten war Bauer zu sehen. „Das war schon etwas seltsam“, gibt sie zu.

Bauer war für Fotoaufnahmen in Kapstadt und Israel, auf Messen in Paris und Deutschland. Zudem modelt sie für Seminare des Unternehmens. Die Teilnehmer – meist Mitarbeiter aus Sanitätshäusern –- üben, die Prothesen an den Frauen anzulegen. „Die Neulinge sind unsicher und trauen sich nicht. Wir versuchen ihnen die Angst zu nehmen“, sagt Bauer.

Es sei wichtig, dass die Berater den Frauen mit Brustkrebs gut helfen können und das Krankheitsbild kennen. Nur dann könnten sie das passende Produkt finden. Amoena produziert fünf Serien-Prothesen. Es gibt zudem Prothesen nach Maß und das Unternehmen hat die erste mit Luft befüllbare Prothese auf den Markt gebracht.

Normalität
und Sicherheit

Eva Bauer schätzt die Individualität der Produkte. Denn die Schwellungen, die Narben, das Brustgewebe und die Rippen veränderten sich mit der Zeit. „Die Prothese gibt mir Normalität und Sicherheit“, sagt Bauer. Morgens lege sie die Brust an und abends wieder ab. Am Abend dauere der Prozess einige Sekunden länger, da sie die Silikonbrust reinigt.

Im Alltag spürt Bauer die Haftprothese nicht: „Die geht mit der Bewegung mit, wie eine normale Brust.“ Bewegungsfreiheit sei der Physiotherapeutin wichtig. Ein „absolutes No-Go“ sei für sie deshalb eine Prothese in einer Tasche ihres BHs gewesen. Die bewege sich rauf und runter.

Doch es geht nicht nur um Praktikabilität. Bauer wolle sich weiblich fühlen: „Trotz Amputation schicke Unterwäsche tragen, das ist wichtig.“ Mittlerweile gebe es auch für Brustamputierte oder Frauen nach einer brusterhaltenden Operation Lingerie in Schwarz, Rot oder mit Muster. Vor 30 Jahren hat es das Bauer zufolge nicht gegeben, nur „Zirkuszelte“.

Wie schwierig der Alltag von Frauen mit Brustkrebs ist, weiß auch Claudia Horrer. Die Models berichten ihr von der Existenzangst, Familie, Kinderwunsch, ihren Beziehungen und Berufen. „Brustkrebs ist der häufigste Krebs bei Frauen“, sagt Horrer. Jede achte Frau sei betroffen. „Dafür gibt es zu wenig Aufklärung, das ist zu wenig im Bewusstsein.“

Bauer erinnert an ihre Zeit nach der Diagnose: „Ich hatte null Informationen.“ Da sie Physiotherapeutin ist, habe sie sich mithilfe beruflicher Kontakte in der Medizinbranche informiert. Sie habe vor 30 Jahren keine psychologische Betreuung bekommen, habe sich selbst helfen und nach Prothesen suchen müssen. „Ich war so wütend“, erinnert sich Bauer. Laut Claudia Horrer hat sich nicht viel an der Situation geändert. Es werde immer noch zu wenig aufgeklärt. Die Frauen müssten oft selbst nach Möglichkeiten suchen und Eigeninitiative zeigen.

Relativ gute
Überlebenschance

Auch im Privaten herrscht Bauer zufolge viel Unwissenheit. „Weil man sich damit nicht beschäftigen will – erst wenn es einem selbst passiert“, ergänzt sie. Dabei sei es wichtig, sich auch ohne Diagnose über die Krankheit zu informieren. „Wer den Brustkrebs früh entdeckt und gut versorgt ist, hat eine gute Überlebenschance“, sagt Horrer. Jede Frau solle sich einmal im Monat abtasten und regelmäßig zum Frauenarzt zur Kontrolle gehen. Dafür wollen die beiden Expertinnen sensibilisieren. Claudia Horrer betont: „Es kann jede von uns treffen.“

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