Flintsbach – In wenigen Wochen beginnt für das Flintsbacher Theater die neue Spielzeit, die von Mitte Juni bis Mitte August geht. Auf dem Programm steht dann heuer die Komödie der „Geisterbräu“ vom Joseph Maria Lutz. Gespielt wird im traditionsreichen Komödienstadl, der für eine ganz besondere Atmosphäre sorgt und in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiert.
Theaterbesucher, die glauben, dass sie die Aufführungen in einem aus Steinen gemauerten Theatergebäude erleben dürfen, liegen falsch. Denn alleine schon der Begriff „Stadl“ weißt auf die wahre Konstruktion des Gebäudes hin: Es besteht aus Holz. Die Ursprünge des Theaters liegen in einer Zeit, in der Bauerntheater in recht einfacher Form und in schnell herzurichtenden Spielstätten, wie zum Beispiel in einem „Stadl“, für die ländliche Bevölkerung aufgeführt wurde.
„Comödispielen“
wurde gepflegt
Das „Comödispielen“ wird im Oberbayerischen sowie im Tiroler Inntal seit alters her gepflegt. Passionsaufführungen und religiöse Spiele fanden hier schon vor mehr als 300 Jahren statt. So ist es nicht verwunderlich, dass das Volkstheater Flintsbach eines der ältesten Dorftheater Deutschlands ist, das urkundlich erstmals 1675 erwähnt wurde. Seit 1823 finden die Aufführungen im eigenen „Komödienstadl“ statt.
Zuvor diente der Saal des Gasthofs „Falkenstein“ als Spielort, der wohl nicht mehr groß genug war. So ließ der damalige Gastwirt 1823 einen eigenen Theaterstadl errichten. Über den Bau ist in der Folgezeit nichts mehr überliefert worden. Erst ab 1890 tauchen in den Abschlussberichten Ausgaben für Zimmermanns- und Malerarbeiten auf. Dies lässt sich auch in den weiteren Jahren verfolgen.
Die Besucher wurden immer mehr und sie hatten wohl auch keine Lust mehr, allzu früh im Theater zu erscheinen, um noch einen guten Platz zu bekommen. Die Spielleitung, das „Comite“, beschloss daher 1920, die Sitzplätze zu nummerieren und neu zu ordnen.
Um die Bequemlichkeit der Gäste war man besorgt, aber auch darum, mehr Leute zum Besuch der Aufführungen zu bewegen. Schließlich gehörte die Brandsicherheit in dem reinen Holzgebäude zu den großen Aufgaben des Theaterbetriebs, denn das königliche Bezirksamt hat dem Theater 1898 einige Bedingungen auferlegt. So wurde die Feuerspritze des Ortes für die Zeit der Vorstellungen im Erdgeschoss unter dem Bühnenraum aufgestellt, um diese mit einer Schlauchleitung, die direkt zur Bühne führte, zu verbinden.
Neben dem Theatergebäude befand sich stets ein gefülltes Wasserbassin. Selbstverständlich durfte im Theater unter keinen Umständen geraucht werden.
Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude auch für andere Zwecke genutzt. So bot es 1929 einer Schreinerwerkstätte und zwischen 1949 und 1950 einer Webstube und einer „Schuhbesohlungswerkstätte“ Platz.
Der Theaterstadl war seit dem Bau 1823 im Besitz des jeweiligen Wirts des Gasthofes Falkenstein. Die Mitglieder der Theatergesellschaft wollten nach dem Zweiten Weltkrieg aber nicht mehr von den geschäftlichen Interessen des jeweiligen Wirtes abhängig sein und verhandelten mit dem Gastwirt.
Theaterer
kaufen Grundstück
Am 13. Oktober 1948 konnte man den Kaufvertrag abschließen. Der Kaufpreis betrug 6000 DM. Die Theatergesellschaft war dadurch Besitzer eines Grundstückes von 1002 Quadratmetern mit dem darauf stehenden Theaterstadl samt Zubehör geworden. Es wurden 44 Anteile vergeben, die sich auf 47 Personen verteilten (drei Anteile waren doppelt besetzt). Für die Käufer war der Erwerb eine große Aufgabe, denn die D-Mark war erst ein halbes Jahr alt. Der Kassier musste von Woche zu Woche pro Mitglied 1,00 DM erheben. Das war zu der Zeit eine gewaltige Aufgabe.
Während der Kriegszeit litt das Gebäude erheblich und in der Folge kam 1949 der schlechte Zustand des Theatergebäudes im Theaterausschuss zur Sprache. Und so wurden trotz der schlechten finanziellen Lage Renovierungsarbeiten geplant. Gleichzeitig nahm man einen Erweiterungsbau in Angriff und konnte vier Monate nach Baubeginn Richtfest feiern. In der Geschichte des Volkstheaters bleibt dies wohl eine einzigartige Konzentration der Kräfte und ein nicht mehr zu überbietendes Engagement.
Mit der Renovierung des Theatervorhanges im Jahre 1985 wurde der wertvollste Besitz des Volkstheaters vor dem Verfall gerettet. Der historische Hauptvorhang mit seiner Umrandung steht unter Denkmalschutz. Im Frühjahr 1998 war die Restaurierung der prunkvollen Bühnenfront abgeschlossen. Das Gebäude hat außen einen neuen Anstrich erhalten und erstrahlte so pünktlich zum 175-jährigen Bestehen in neuem Glanz. Rechtzeitig, vor dem Spielbetrieb im Sommer 2008, konnte das Treppenhaus aus dem Jahre 1967 neugestaltet werden. Das Treppengeländer und der Bodenbelag wurden aufwendig und mit viel Liebe zum Detail neu in Holz gestaltet.
Neue
Fluchtwege
Während der Probenzeit im Jahr 2012 wurde mit Brandschutzmaßnahmen begonnen. Für den Balkon musste als zweiter Fluchtweg eine Außentreppe auf der Ostseite des Theatergebäudes errichtet werden. Für das ganze Theaterhaus wurde ein Brandschutzkonzept erstellt und notwendige Maßnahmen umgesetzt. In den Jahren 2019 bis 2021 wurden die Ost- und Westfassade statisch ertüchtigt und zudem gleich neu gedämmt. So erscheint der Theaterstadl zu seinem 200. Geburtstag mit neuester Technik und mit einem herausgeputzten Gewand. Dabei hat er seinen Charme erhalten können und nimmt alleine schon so mit seiner Atmosphäre das Publikum mit in die gute alte Zeit des „Comödispielens“.