Stephanskirchen – „Wat is‘ en Dampfmaschin?“, fragt der vielzitierte Professor Bömmel. „Wat is‘ en unechte Fahrradstraße?“, fragt der verblüffte Fußgänger. Oder der ebenso verdutzte Autofahrer. Denn genau das soll die Krottenmühlstraße werden: eine „unechte Fahrradstraße“. Und auch ihre Verlängerung in Prutting und Söchtenau, die Seestraße. Da sind sich die drei Gemeinden einig.
Autos sind hier
nachgeordnet
Und was ist nun eine „unechte Fahrradstraße“? In echten Fahrradstraßen sind keine anderen Fahrzeuge als Fahrräder erlaubt. Bei einer unechten Fahrradstraße sind hingegen durch Zusatzzeichen bestimmte andere Fahrzeuge zugelassen. Beiden Fahrradstraßen gemein: Fahrradfahrer haben Vorrang. Sind Autos zugelassen (zum Beispiel von Anwohnern), müssen sie sich den Radfahrern unterordnen, dürfen diese nicht gefährden. Radfahrer dürfen in echten wie unechten Fahrradstraßen nebeneinander fahren. Falls lustig, auch auf ganzer Fahrbahnbreite, das ist in der Straßenverkehrsordnung nicht geregelt. Und wenn sich der Autofahrer in der unechten Fahrradstraße noch so ärgert: er muss dahinter bleiben. Oder mit mindestens zwei Metern Abstand überholen.
Die Krottenmühl-, später Seestraße führt zwischen Bahnlinie und Seeufer entlang der Westseite des Simssees durchs Landschaftsschutzgebiet, wird von einheimischen und urlaubenden Radfahrern genutzt, um Badeplätze oder Wirtschaften zu erreichen. Der Stephanskirchner Gemeinderat hat die Umwidmung im Oktober vergangenen Jahres beschlossen. Auch in Söchtenau steht die Entscheidung für die unechte Fahrradstraße schon. In Prutting sind Verwaltung und Gemeinderat auch dafür, beschlossen ist das allerdings noch nicht. Steht aber demnächst auf der Tagesordnung, sagt Bürgermeister Johannes Thusbaß. Sein Problem: In Prutting ist die Seestraße bisher nicht asphaltiert. Das aber ist Voraussetzung.
Und in Stephanskirchen ist die Krottenmühlstraße in einem schlechten Zustand. Schlechter als bis Anfang 2022 noch gedacht. Ende Juli 2022 beschloss der Gemeinderat, die Krottenmühlstraße, deren Sanierung eigentlich erst 2025/26 vorgesehen war, schon 2023 in Angriff zu nehmen. Und das nicht nur, wie ursprünglich vorgesehen, auf einem Teilstück. Nein, auf ganzer Länge vom Kurvenwirt in Baierbach bis zur Gemeindegrenze mit Prutting knapp 800 Meter weiter.
Alexander Riedl vom planenden Ingenieurbüro stellte das Vorhaben jetzt im Bau- und Planungsausschuss der Gemeinde vor. Unter dem Asphalt der 4,5 Meter breiten Straße ist ein ausreichender Kiesaufbau, unter den jeweils einen halben Meter breiten Banketten nicht. Riedl empfahl, auch die Bankette tragfähiger und frostsicher auszubauen. Das sei eine Investition in die Zukunft.
Was die Angelegenheit teuer macht: Auf den ersten 200 Metern ab der Einmündung Simsseestraße zeigten Bodenuntersuchungen stark verunreinigtes Material. „Wenn wir das anfassen, ist es Müll und muss auf einer Deponie entsorgt werden“, so Riedl. Damit kosten allein diese 200 Meter Krottenmühlstraße knapp 300000 Euro.
Geplant ist, dass der vorhandene Asphaltbestand zwischen Einmündung Simsseestraße und Gemeindegrenze komplett abgetragen wird. Dann wird das belastete Material der ersten rund 200 Meter entfernt und entsorgt. Im weiteren Verlauf werden die Bankette so weit ausgehoben, dass auch diese frostsicher und tragfähig ausgebaut werden können. Ist der Untergrund fertig, kommt noch eine zweischichtige Asphaltdecke auf die Krottenmühlstraße. Das Ganze dauert laut Riedl – unangenehme Überraschungen ausgeschlossen – etwa drei Monate. Und kostet alles in allem knapp 750000 Euro.
An zwei Stellen mit zusammen 130 Quadratmetern liegt die Krottenmühlstraße derzeit auf Privatgrund. „Das sollte bis Baubeginn geregelt sein“, so der Planer. Baubeginn soll aber erst nach der Badesaison, Mitte September, sein.
Bis dahin hat auch die Verkehrszählung stattgefunden, die Polizei und Landratsamt wünschen. Denn diese ist erst in den nächsten Wochen, wenn die Radlsaison so richtig begonnen hat, sinnvoll. Und für die Sanierung ist es laut Bürgermeister Karl Mair unerheblich, ob es eine unechte Fahrradstraße wird oder nicht.
Fahrbahn
wird verbreitert
Natürlich war Frank Wiens, der Fahrradverkehrsbeauftragte der Gemeinde Stephanskirchen, an der Planung beteiligt. Und schlug knapp vor der Gemeindegrenze eine leichte Erweiterung der dort schnurgeraden Krottenmühlstraße auf 5,25 Meter vor. Denn bei 4,5 Metern Straßenbreite können Autofahrer nicht rechtskonform überholen: Radfahrer müssen 0,7 Meter Abstand zum Bankett halten, Autofahrer außerorts zwei Meter Abstand zum überholten Radlfahrer haben. Und dann bleiben nur noch 1,8 Meter Breite für Autos übrig. „Da es für Fahrradfahrer nicht so sehr angenehm ist, auf Dauer ein Auto im Nacken zu haben, halte ich die kurze Ausweichstrecke auf dem geraden Straßenstück für sinnvoll“, sagt Wiens.
Den Mitgliedern des Bau- und Planungsausschusses gefiel die Planung, sie reichten sie gegen drei Stimmen als Empfehlung an den Gemeinderat weiter. Dieser entscheidet in seiner Sitzung am heutigen Dienstag, 28. März, darüber.