Rott – Unterhaltsam, höflich in der Wortwahl, nie belehrend mit dem erhobenen Zeigefinger, stets sachlich-korrekt: Das zeichnet die Leserbriefe von Dr. Richard Kirchlechner aus. Noch nie hat die Redaktion einen Beitrag des Rotters ablehnen müssen, selten wurde wegen Überlänge gekürzt. Der Autor hat es einfach drauf.
Kein Wunder: Kirchlechner hat zwei große Leidenschaften, die sich beim Verfassen perfekt vereinen: das wissenschaftliche Denken und das Schreiben. Der 83-Jährige war von Beruf Chemiker, tätig in der pharmazeutischen Forschung der Merck AG in Darmstadt und einer Tochterfirma in Hohenbrunn bei München, später Produktmanager und Vertriebsleiter.
Schon zehn
Bücher geschrieben
Das strukturierte Denken und Argumentieren liegt ihm im Blut. Im Ruhestand entdeckte er dann seine Freude am Schreiben: Kirchlechner verfasste zehn Bücher, darunter die Chronik von Rott und weitere heimatkundliche Abhandlungen, außerdem mehrere Werke mit Wortspielen, Reimen und Sprüchen, und einen Radlführer durch Europa, basierend auf seinen eigenen Erfahrungen.
2004 erschien sein erster Leserbrief, in der jüngsten Wochenendausgabe wurde sein 101. veröffentlicht. Kirchlechner hat – ganz der wissenschaftliche Analyst – festgestellt, dass bei ihm Beiträge zu Sprache und Dialekt in der Mehrzahl waren (24). 15-mal widmete er sich Themen der Geschichte, 15-mal Physik und Chemie, elf Leserbriefe verfasste er zu mathematischen Fragestellungen. Aus diesem Themenbereich stammt auch sein Lieblingsbeitrag: eine Reaktion auf einen Text von Merkur-Verleger Dirk Ippen. Dieser hatte 2011 in seiner Samstagskolumne geschrieben, es komme nur einmal in 623 Jahren vor, dass ein Juli fünf Freitage, fünf Samstage und fünf Sonntage aufweise. Kirchlechner rechnete vor, dass diese Konstellation gar nicht so ungewöhnlich ist, denn es gibt sie im Schnitt sogar alle sieben Jahre.
„Ich bemühe mich natürlich, nicht als Besserwisser oder – bayerisch ausgedrückt – als Gscheitmeier rüberzukommen“, sagt er schmunzelnd. Und gibt zu: „Eine Portion Besserwisserei ist natürlich doch dabei, sonst würde ich ja nicht schreiben. Mich juckt es einfach in den Fingern, wenn Sachverhalte unrichtig, unvollständig oder schwer verständlich ausgedrückt werden.“ Dann greift Kirchlechner in die Tasten seines PCs, erklärt, erläutert, begründet – und schickt einen Leserbrief an die Redaktion. Geschrieben ist dieser in der Regel schnell, innerhalb weniger Stunden. Doch Kirchlechner legt ihn immer einen Tag an die Seite, „ich schlafe quasi eine Nacht drüber, dann lese ich ihn noch einmal – und wenn ich dann einverstanden bin, schicke ich die Mail ab.“
Der perfekte Leserbrief muss seiner Erfahrung nach das Thema, auf das er sich bezieht, kurz zusammengefasst anreißen, Kritik üben – „ohne Schimpf-Tiraden“ – oder Sachverhalte ergänzen. Dabei legt Kirchlechner immer Wert darauf, dass seine Vorschläge positiv formuliert sind, seine Kritik konstruktiv ist. Deshalb sind seine Zuschriften zur Politik auch eher selten. „Da gibt es so viele, die dazu was zu sagen haben oder meinen, was schreiben zu müssen, da muss ich nicht auch noch mitmischen“, findet er. Lokale Leserbriefe hat er außerdem bisher kaum verfasst: „Ich bin eigentlich recht zufrieden mit dem, was so geschieht bei uns im Dorf. Es läuft recht gut in der Gemeinde und im Wasserburger Land“, nennt er als Begründung.
Was für ihn außerdem nicht infrage kommt: Beiträge in Blogs, auf Facebook und Co. „Schrecklich, was da für Unfug verzapft wird“, sagt er. „So viele Beleidigungen, so viel Hetze – vieles anonym: einfach furchtbar.“ Er steht dagegen mit seinem Namen für seine Meinung im Wort, gedruckt oder digital veröffentlicht. Die Leser sprechen ihn oft darauf an, seine Beiträge kommen an, sind Diskussionsstoff und Anlass zum Nachdenken, stellt der Rotter immer wieder fest. „In keiner anderen Zeitung finden Sie so viele Leserbriefseiten“, sagt Kirchlechner, der neben der Wasserburger Zeitung, morgendliche Frühstückslektüre, auch Die Zeit und den Spiegel abonniert hat. Auch hier hat er es schon versucht mit Zuschriften – erfolglos.
Noch lange
kein Ende
Nach seinem 100. Leserbrief im OVB, erschienen im Februar, hat er eigentlich gedacht, es falle ihm jetzt nichts mehr ein. Weit gefehlt: Nun also wurde der 101. gedruckt, der das 50-jährige Bestehen World Trade Center in New York zum Thema hat. Kirchlechner wartet mit ergänzenden Informationen zur Statik des Wolkenkratzers auf.