„Allein bist a Depp“

von Redaktion

Bei der Biennale Bavaria wurde im Mühldorfer Haberkasten über den Begriff „Heimat“ diskutiert – unter anderem mit Olympiasieger Markus Wasmeier. Warum es Mut braucht, sich in die Gemeinschaft einzubringen, und warum die Work-Life-Balance beim Vereinsleben Spuren hinterlässt.

Mühldorf – Ein wenig enttäuscht ob der überschaubaren Besucherresonanz war Günther Knoblauch anlässlich der Biennale-Diskussionsveranstaltung im Haberkasten dann doch. Ging es immerhin um eines der Kern-Themen des diesjährigen Heimatfilm-Festivals – Vereinsleben und damit verbunden der Mut, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Diejenigen, die da waren – so konstatiert der Vereinsvorsitzende Internationales Festival des Neuen Heimatfilms – entschädigen jedoch für den Besuch von rund 30 Besuchern an einem sonnigen Sonntagnachmittag, den viele offenbar lieber an der frischen Luft verbrachten.

Ein hochkarätig besetztes Podium rund um den Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier, der sich laut Knoblauch nicht nur als Initiator des Heimatmuseums Schliersee „herausragend in die Gemeinde eingebracht“ hat, diskutierte zum Thema „Heimat gemeinsam gestalten, allein bist a Depp – Verantwortung im Ehrenamt, Vereine mit Zukunft?“

„Anderen zu
helfen, ist ein Wert“

Und ja: Natürlich gibt es auch die Helden vor Ort, wie zum Beispiel Michael Matschi. Der Kreisbrandmeister der Feuerwehr Mühldorf ist bei den Jungfeuerwehren ganz nah am Puls derer, die in die Vereinsarbeit nachkommen, und er bekam von ISW-Moderator Peter Zörner als Erster das Wort. Schließlich gehören die Mühldorfer zu den weltweit erfolgreichsten Jugendwehren, zumindest wenn man einen Blick auf die überregionalen Wettkämpfe wirft. Ob der Wettbewerbsgedanke den Reiz ausmacht, sich als Jugendlicher in seiner Freizeit einzubringen? Vielleicht, aber nicht nur. „Anderen zu helfen, ist auch ein Wert, der attraktiv ist“, stellte der Kreisbrandmeister fest.

Apropos Hilfestellung geben. Das ist ein Wert, der für die Nächste auf dem Podium, Verena Luber, nicht unbedingt und immer völlig gefahrenfrei ist. Hilfestellung erfordert manchmal Zivilcourage, diese, wie der Name schon sagt: Mut. Den zu geben, hat sich der Münchner Verein „Zivilcourage für alle“, in dessen Vorstand Verena Luber ist, zum Ziel gesetzt. „Es kann nicht sein, dass man Angst um sein Leben haben muss.“

Sie verweist auf das Schicksal Dominik Brunners, der vor Jahren wegen tatkräftiger Hilfeleistung für eine Schülergruppe selbst schwer verunglückt war. Ein Thema, das laut Luber jeden etwas angeht. Um junge Leute zu animieren, gehe der Verein auch an die Schulen. „Menschen sind verunsichert und brauchen Anleitung.“ Dass das Engagement in der Gesellschaft jedoch nicht abnimmt, zeigten die stets ausgebuchten Trainings, die Firmen oder eben Schulen in Anspruch nehmen.

Dass sich die Leute hierzulande immer noch in großem Stil einbringen – und das nicht erst in der Rente –, belegt übrigens auch der Blick in die Zahlen: 41 Prozent aller Bürger Bayerns sind ehrenamtlich unterwegs, hauptsächlich in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen. Allerdings gehe der Trend dahin, sich eher punktuell zu engagieren; etwa in einem Krisenfall oder auch mit Blick auf die eigenen Vorlieben, jedoch zeitlich begrenzt beispielsweise während der vierwöchigen Krötensaison. Das führt Dr. Susanne Unger von der Hochschule für Fernsehen und Film München aus.

Beim Vereinswesen hinterlässt also die Work-Life-Balance ihre Spuren. Auch wenn sich manche mit Blick auf den eigenen Urlaub nicht festlegen möchten oder generell wenig Zeit oder auch Geld zur Verfügung haben: „Jeder kann irgendetwas tun“, ist Unger überzeugt. Und wenn es nur die Blutspende ist. Es gehe heute darum, den individuellen Ansatz im Vereinsengagement zu finden und zu leben. Den Ansatz, über das Vereinsleben einen Zugang zur eigenen Heimat zu finden, propagiert abschließend mit Markus Wasmeier ein besonders prominenter Gast, der sich von Günther Knoblauch angesichts der Biennale an den Inn hat ziehen lassen. Ob nun in der freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein oder eben als ehrenamtlicher Museumsleiter: „Es gibt viele Heimaten, für die wir unsere Beiträge leisten können“, betont der erfolgsverwöhnte ehemalige Skirennfahrer.

Wasmeier lebt aber nicht nur für seinen Sport: Über sein Engagement als Initiator eines Museumsdorfs in Schliersee pflegt er in Gestalt eines alten Hofs Oberbayerns kulturelles Erbe samt altem Brauchtum. Vor einigen Jahren hat er seiner ganz privaten „Sehnsucht“ nach Heimat unter dem Titel „Dahoam“ sogar ein Buch gewidmet. „Lest das, es wird euch helfen!“, lautet das schlichte Urteil des Gastgebers Günther Knoblauch.

Markus Wasmeiers Engagement reicht jedoch nicht nur bis an die eigene Landesgrenze. Auch anderen Nationalitäten beim Erhalt und der Pflege der eigenen Kultur zu helfen, hat er sich auf seine Fahnen geschrieben.

Vereinspflege ist
Heimatpflege

Aktuell ganz besonders der Ukraine, wohin er seit Jahren im Zuge eines Kulturaustauschs engste Freundschaften pflegt und seit einiger Zeit Hilfstransporte organisiert. Dabei gehe es nicht nur um materielle Güter, sondern auch um Hilfestellung, das eigene, ukrainische Kulturerbe zu erhalten.

Welches Rezept der Schlierseer – neben der Heimatpflege – für die Zukunft der Vereine und des ehrenamtlichen Engagements hat? Abgesehen von einem attraktiven Vereinsangebot ganz nach dem Motto „cool, dabei zu sein“: „Einfach vorleben. Besonders in der Familie. Das ist der Schlüssel für alles.“

Anregungen und Fragen der Zuschauer

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