Neubeuern – Sie wecken die Kinder, frühstücken mit ihnen und bringen sie zum Schulbus. Im Neubeurer Rosenhof und Kinderhaus Kerb leben 19 Jungen und Mädchen, die das Jugendamt von ihren leiblichen Eltern getrennt hat. Die Betreuer fangen die Kinder auf – auch am Mutter- und Vatertag.
„Von außenstehenden Jugendlichen werde ich manchmal scherzhaft als Familienvater bezeichnet“, sagt Stefan Sikora. Er leitet den Rosenhof des Albert-Schweitzer-Familienwerks Bayern. Das Konzept eines Hausvaters und einer Hausmutter, die im Gebäude leben, gebe es jedoch nicht mehr. Die Betreuer fahren nach ihrer Schicht in ihr eigenes Zuhause.
Basteln für
die Eltern
Dennoch sagt Stefanie Flader, Leiterin des Kinderhaus Kerb: „Die Arbeit ist intensiv, wir sind nah an den Kindern dran.“ Vor Kurzem habe ein Kind eine Einladung zu einem Muttertags-Treffen für ihre Bezugsperson mitgebracht. Weil diese keine Zeit hatte, habe sich die Leiterin angeboten. „Das Kind hat gestrahlt“, erinnert sich Flader. An Tagen wie dem Mutter- oder Vatertag sollen sich die Jungen und Mädchen nicht benachteiligt fühlen. Wenn die Kinder etwas für ihre Eltern basteln wollen, helfen ihnen die Betreuer. Das ist Stefan Sikora zufolge aber kein Muss: „Wir wollen die Kinder nicht ermüden.“ Denn ob Geburtstag, Weihnachten, Mutter- oder Vatertag – solche Tage seien schwierig für manche Kinder. Laut dem Leiter ist es schon vorgekommen, dass Eltern Geschenke zum Mutter- oder Vatertag nicht abgeholt haben. „Man sieht ihnen die Trauer und Sehnsucht manchmal an. Das ist ganz natürlich“, sagt Flader über die Kinder. Wenn die Jungen und Mädchen traurig sind, bekommen sie „extra Zuwendung“. Die Betreuer reden dann mit ihnen oder nehmen sie in den Arm. Oder sie versuchen, die Eltern nach Neubeuern zu holen. Das ist den Leitern zufolge nicht immer einfach. Die Kinder stammen oft aus schwierigen Verhältnissen. Flader und Sikora wollen nicht auf die Lebensgeschichten ihrer Schützlinge eingehen – zu privat. Auf der Website des Albert-Schweitzer-Familienwerks Bayern steht, dass die Kinder in ihren Familien so schlimme Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch, Verwahrlosung oder Vernachlässigung gemacht haben, dass sie vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Die Eltern seien psychisch krank, drogenabhängig, gewalttätig oder straffällig geworden. „Manche Kinder kämpfen mit sich und hadern mit ihrem Schicksal“, sagt Flader. Einige Jungen und Mädchen zögen sich zurück. Die Mitarbeiter kämen an ihre Grenzen, wenn sie bei den Kindern „auf Granit beißen“. Doch ihr Kollege betont, dass es in jeder Familie schwierige Momente gibt. Aus diesen Momenten können schöne Begegnungen entstehen. Laut Stefan Sikora seien die Kinder am Anfang oft zurückweisend und tief im Schmerz durch die Trennung von ihrer Familie. Es gebe eine „Probezeit“, bis die Kinder den Betreuern vertrauen.
„Am schönsten ist der Moment, wenn das Eis bricht“, sagt Sikora. Wenn die Kinder ihm die Hand entgegenstrecken oder um eine Gute-Nacht-Geschichte bitten. Für Stefanie Flader ist es der Moment, in dem ihr Kinder bei Dienstbeginn „entgegenfliegen“ und sich freuen, dass sie kommt. Doch es gibt Grenzen. „Man soll die Kinder nicht einfach herschmusen“, sagt die Leiterin. In ihrem Beruf kann sie ihre „mütterlichen Instinkte ausleben und Liebe geben“ – allerdings mit der nötigen Distanz. Auch in Bezug auf ihre Arbeitszeit braucht es Grenzen. „Ich muss mich auch mal einbremsen und sagen: Stopp, es ist Feierabend“, betont Flader. Damit das klappt, bekommen die Betreuer Hilfe von externen Psychologen. In der Supervision besprechen sie das Verhalten der Kinder und die Interaktion im Team. „Es sollen schließlich alle an einem Strang ziehen“, sagt Sikora. Im Rosenhof arbeiten 13 Betreuer, davon eine Ehrenamtliche und eine „Bufdi“ – im Bundesfreiwilligendienst. „Das Team ist fantastisch“, findet der Rosenhof-Leiter.
Das bestätigt Stefanie Flader. Im Kinderhaus Kerb arbeiten auch 13 Personen – inklusive Hauswirtschafter und Hausmeister. „Jeder Betreuer kümmert sich intensiver um ein bis zwei Kinder“, sagt die Leiterin. In beiden Häusern gibt es ein Bezugsbetreuersystem, damit die Kinder einen festen Ansprechpartner haben.
Das Jugendamt sei dennoch der Vormund, manchmal die Eltern. Bei größeren Entscheidungen müssen sich die Mitarbeiter nach Angaben von Flader mit den Zuständigen absprechen – etwa wenn ein Kind eine Zahnspange braucht. Aber nicht nur in medizinischen Angelegenheiten, auch bei Ferienfahrten oder einem Schüleraustausch.
Viele Freizeitaktivitäten werden den Leitern zufolge durch Spenden finanziert – ob ein Abendessen im Restaurant, der Besuch eines Freizeitparks oder ein Urlaub am Meer. Auch das Klettergerüst, der Pool, die Schaukel im Garten und manches Spielzeug hätten Spender bezahlt. Und Letzteres will aufgeräumt sein. „Die Kinder sollen Struktur lernen“, sagt Stefan Sikora. Dazu gehöre auch, das eigene Spielzeug im Wohn- oder Esszimmer wegzuräumen, sich um die vier Pferde hinter dem Kerbhaus oder um die Katze im Rosenhof zu kümmern. Zudem helfen die Jungen und Mädchen im Haushalt. Im Kerbhaus ist am Donnerstag Großputztag, im Rosenhof am Mittwoch. Die Kinder reinigen dann Gang, Toiletten und ihre Zimmer. Wenn die Hauswirtschafter im Urlaub sind, kochen die Ältesten sogar.
Rüstzeug für
Selbstständigkeit
„Wir geben den Kindern das nötige Rüstzeug für ein selbstständiges Leben“, sagt Flader. Bis die Kleinen groß sind, kümmern sich die Betreuer auch um Albträume oder andere Sorgen. Für die Nachtschicht heißt das: Schlafen in Bereitschaft. „Die Kinder klingeln oder klopfen, wie bei der Mama“, berichtet die Leiterin.
„Wir gehen durch dick und dünn“, sagt auch Sikora. Dennoch betont er: „Wir sind nicht die leiblichen Eltern, das können die Kinder sehr gut differenzieren.“ Drei Kinder aus beiden Häusern seien Waisen, die meisten hätten ihre Eltern jedoch noch. Die dürften ihren Nachwuchs auch besuchen. Und die Kinder können ihre Mütter und Väter jederzeit anrufen.
„Es ist erwünscht, dass sich die Eltern engagieren“, sagt Stefanie Flader. Und falls das nicht der Fall ist, kümmern sich die Betreuer – auch am Mutter- oder Vatertag.