Nußdorf – 91 Fahnen der Ortsvereine und der Soldatenkameradschaften aus dem ganzen Landkreis Rosenheim umstanden den Altar, unter den vielen Ehrengästen befanden sich Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig, Landrat Otto Lederer und Bezirksrat Wast Friesinger sowie der Nußdorfer Altbürgermeister Johann Dettendorfer. Aus Ingolstadt vom Gebirgsbataillon 8 wurde Oberstabsfeldwebel Thomas Seubert mit dem Ehrenzug der Bundeswehr besonders begrüßt, aber auch das Ehrenmitglied Josef Fischer senior als letzter lebender Krieger im Alter von 97 Jahren. Die Messe wurde zelebriert von Pfarrer Christoph Rudolph.
Brutalität und
Grausamkeit
Es war im Jahre 1873 gewesen – der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 war gerade erst überstanden – da hatten Männer, die alle gottlob wohlbehalten aus dem Krieg wieder in ihre Heimat Nußdorf zurückgekehrt waren, den Verein gegründet. Heute, nach 150 Jahren, wird der Verein vom Urenkel des damaligen Gründers weitergeführt, nämlich vom Vorsitzenden Georg Mayer. Es war dessen Urgroßvater, der 1873 mit seinen Kameraden den Verein gründete. Bereits am 30. Juli 1871 dankten sie Gott in einem feierlichen Gottesdienst und an Silvester 1871 in einer feierlichen Prozession nach Kirchwald und durch das Anbringen eines Votivbildes in der dortigen Marienkirche für ihre unversehrte Rückkehr.
Auf diesen Krieg blickte Landrat Otto Lederer in seinem Grußwort zurück, denn es war einer der ersten Kriege, die im industriellen Zeitalter stattfanden: „Neue Waffen kamen zum Einsatz, welche die Grausamkeit und Brutalität einer solchen Auseinandersetzung potenzierten. Rund 190000 deutsche und französische Soldaten starben und weit über 200000 wurden verwundet. Einen Sozialstaat gab es nicht. Und so blieben die Verwundeten und Verkrüppelten, einschließlich ihrer Familien ohne Unterstützung. Doch die Gemeinschaft in den Vereinen half, das Erlebte zu verarbeiten und die unsichere Gegenwart und Zukunft zu ertragen.“ Und weiter mahnte Otto Lederer, seit Gründung des Krieger- und Veteranenvereins Nußdorf am Inn gab es zwei Weltkriege und auch der Überfall Russlands auf die Ukraine zeige, dass der für die meisten von uns gewohnte und geschätzte Frieden und die mindestens genauso wichtige Freiheit in Europa keine Selbstverständlichkeiten sind.
Die Bürgermeisterin von Nußdorf und Schirmherrin der Jubiläumsfeierlichkeiten, Susanne Grandauer, begrüßte an diesem Festtag besonders auch die Vertreter der französischen Partnergemeinde Camblanes et Meynac, einer kleinen Gemeinde in der Gironde, im Südwesten Frankreichs, unweit von Bordeaux. Die Bürgermeisterin hob zudem die Ausstellung hervor, die im Festzelt im Rahmen des Jubiläums gestaltet wurde. Diese Ausstellung dokumentiere sowohl die großen weltpolitischen Auswirkungen als auch die konkreten Effekte auf Nußdorf. Sie zeige Soldatenleben und Soldatensterben sowie Flucht und Vertreibung bezogen auf bekannte Nußdorfer Familien.
So mache die Ausstellung das unfassbare Leid auch für jene greifbar, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg lediglich aus dem Geschichtsunterricht kennen und berühre die Besucher dadurch zutiefst. Doch da dieser Festtag an Muttertag stattfindet, hat die Schirmherrin an das Schicksal der Frauen in den beiden Weltkriegen erinnert, der Frauen, die ihre Männer und der Mütter, die ihre Söhne verloren haben. Solch unermessliches Leid möge das Europa der Zukunft uns allen ersparen.
Dabei spricht die Bürgermeisterin immer wieder von Europa, von der Europäischen Union, denn ohne Europa kein Frieden, betonte sie. Dabei geht es ihr um die politische Bedeutung des Festtages: Die Verantwortung vor unserer Geschichte kenne keinen Schlussstrich, habe Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einmal gesagt, denn erinnern heißt stets auch kämpfen für die Demokratie. Oder im Sinne von Jean-Claude Juncker, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!“
Wie Pius Graf, Obmann der Interessengemeinschaft der Krieger- und Veteranenvereine sowie der Soldatenkameradschaften im Landkreis Rosenheim, in seinem Grußwort sagte, wäre es nicht selbstverständlich, dass wir seit über 80 Jahren in Friede und Freiheit lebten. Es wäre auch das Ergebnis eines steten Gedenkens und Erinnerns an die Opfer von Krieg und Gewalt, Terror und Vertreibung, wie es die Veteranenvereine seit Ende des Krieges alljährlich in den Gemeinden abhalten.
Die Blaskapelle Nußdorf unter Leitung von Sepp Maurer umrahmte den Festgottesdienst musikalisch. Der große und eindrucksvollen Festzug vom Waldgottesdienst zurück durch den Ort Nußdorf ins Festzelt, wurde angeführt von weiteren Blaskapellen aus Flintsbach, Neubeuern und Samerberg sowie 91 Fahnenabordnungen der Veteranen- und Ortsvereine, die mit vielen Mitgliedern teilnahmen. Den Ausklang bildete ein Beisammensein mit den Grußworten der Ehrengäste und mit Mittagessen im voll besetzten Festzelt.
Kesselfleischessen am
heutigen Montag
Am heutigen Montag, 15. Mai, klingen die Festtage des Veteranenvereins mit einem Kesselfleischessen aus. Die großen Feierlichkeiten in Nußdorf sind damit noch nicht vorbei. In der Zeit vom 17. bis 22. Mai 2023 steht Nußdorf am Inn ganz im Zeichen der Musik.
Neben dem 57. Bezirksmusikfest Inn-Chiemgau steht das 160. Jubiläum der Musikkapelle Nußdorf auf dem Programm. Das 57. Bezirksmusikfest des Musikbundes von Ober- und Niederbayern ist am Sonntag, 21. Mai. Dieses beginnt um 9 Uhr mit einem Kirchenzug zum Gottesdienst im Waldpark. Im Anschluss findet ein großer Festzug durch Nußdorf mit rund 30 Musikkapellen, vielen Vereinen und Festwagen statt.